Von A, B und C-Leuten

Wenn es eine Ikone unserer hypesüchtigen Branche gibt, dann wohl ihn. Er hat Technikgeschichte geschrieben, trieb seine Mitarbeiter mit Micromanagement und Detailversessenheit schier in den Wahnsinn, fiel tief, stieg wieder auf…

Die Rede ist natürlich von Steve Jobs.

Tatsächlich geht sein Einfluß dabei weit über das Maß hinaus, das andere Gestalten der IT Branche für sich beanspruchen können. Ihm wurde überragende Führungskompetenz nachgesagt, Charisma, Innovationsstärke…
Als Figur ist er geradezu sakrosankt. Jenseits des überlieferten diktatorisch-herrischen Führungsstils werden seine Zitate oft wie antike Weisheiten gehandelt.

Kürzlich begegnete ich einer ebensolchen. Steve hatte einmal in einem Interview darüber gesprochen wie wichtig der Einfluss der richtigen Leute auf ein Produkt sei. Speziell ließ er sich darüber aus wie wichtig es wäre, eben nicht zweit- oder gar drittklassige Mitarbeiter einzustellen sondern im Gegenteil immer nach erstklassigen Leuten Ausschau zu halten. Er nannte es A-People und – wie sollte es auch anders sein – selbstverständlich hatte Steve es geschafft, nur eben solche einzustellen. Diese Menschen wären dann auch völlig begeistert und leidenschaftlich, denn sie hätten ja „noch nie erlebt, ausschließlich mit A-People zusammenzuarbeiten“.

Der dazugehörige Tweet war bereits dutzendemale weiterverteilt und das Video war x-mal geliked.
Ich nehme an, dass alle Re-tweeter von sich selbst als A-People oder zumindest als einigermaßen gute B-People dachten. Steve Jobs Behauptung lässt sich jedenfalls in einer häufig zitierten Aussage zusammenfassen:

A people hire A people, B people hire C people

Was für ein Bullshit.
Übrigens nicht der einzige Blödsinn aus Steve’s buntem Zitatenschatz, aber dazu vielleicht ein anderes mal mehr.

Nehmen wir den Satz einmal genauer in den Blick.

A people hire A people.

Wer kann denn überhaupt definieren, was ein Mitglied dieser ominösen Gruppe ausmacht? Im Netz finden sich natürlich tausende Definitionsversuche. Besonders hartnäckig seien sie, Auge für Details sei wichtig, Kompetenz und der Wille zu lernen, Soziale Fähigkeiten usw. usf. Unterm Strich erkennen wir diese A People allerdings immer erst in Rückschau. Es ist die Tatsache, dass sie erfolgreich waren, die uns in ihnen ein besonderes Talent für die richtigen Entscheidungen sehen lässt. Könnten wir sie vorhersagen, wäre so manche Unternehmenspleite vermeidbar. Es versuchen nämlich alle die richtigen Leute und eben diese geheimnisvollen A-People einzustellen. Anscheinend klappt das wohl nicht immer…

Mein Problem damit: Menschen in eine Schublade zu stecken und ihre Leistungsfähigkeit auf einen längeren Zeitraum als die Tagesverfassung festschreiben zu wollen zeugt von einer bemerkenswerten Kurzsichtigkeit. Ich kenne niemande, dessen Leistung nicht von dutzenden Faktoren abhängig ist. Faktoren, die sich zum Teil innerhalb von Stunden ändern können und häufig auch nicht in der Hand des Einzelnen sind. Ob sich unter gegebenen Umständen jemand als Leistungsträger herausstellt, ist also eigentlich gar nicht vorhersehbar.

Trotzdem ist der zitierte Satz ein Lieblingszitat vieler Manager. Zugrunde liegt ihm ein sehr menschlicher Denkfehler, dem wir alle immer wieder aufsitzen.
Unser Gehirn ist darauf gepolt, Kausalketten aufzubauen. Wir schreiben Geschichten, die in sich schlüssig sind. Wenn nun ein Unternehmer erfolgreich ist, gehen wir davon aus, dass es Entscheidungen waren, die dorthin geführt haben und nicht etwa glückliche Umstände. War sein Erfolg von vielen Menschen abhängig, dann war offensichtlich schon diese Personalentscheidung elementar wichtig und kompetent. Der Unternehmer war eindeutig ein Alpha-Tier, seine Mitarbeiter haben ihn erfolgreich gemacht, ergo: Auch alles Alpha-Tiere. Nachdem der Satz ja „A people hire A people, B people hire C people“ heißt, geht die Kette sehr befriedigend weiter. Jeder erfolgreiche Manager vermutet ein brillianter Menschenflüsterer zu sein. Er ist ein A und stellte natürlich lauter A’s ein. Klar.

Ich habe Manager erlebt, die in jedes Interview mit nahezu null Vorbereitung gingen und dann innerhalb von 20 Minuten Personalentscheidungen trafen. Wenn danach ihr Bereich weiterhin Erfolge verbuchte lag das – selbstverständlich – an ihrer Menschenkenntnis, ihren Führungsqualitäten und eben ihrer Zugehörigkeit zur Gruppe der A-People. Wer könnte dem auch wiedersprechen? Anscheinend hat der Manager ja irgendetwas richtig gemacht, oder?

Diesen Effekt würde Kahnemann, ein brillianter Psychologe und Nobelpreisträger, „Hindsight bias“ und „what you see is all there is“ nennen. Wir machen Sinn aus den aktuellen Beobachtungen und im Rückblick lassen wir alles weg das das Gesamtbild stören könnte. Außerdem können wir nur Dinge berücksichtigen, die wir wahrnehmen. Es ist unglaublich schwer und oft sogar unmöglich Faktoren zu berücksichtigen, die nicht eingetreten sind, aber das Bild komplett verändert hätten.

Hätten wir beispielsweise Steve selbst als A People identifiziert als er gerade frisch von seiner Firma auf die Straße gesetzt worden war? Wohl kaum. Er hatte zu dieser Zeit gerade eine massive Niederlage eingesteckt. Erfolg ist anders.
Heute jedoch, mit Wissen um sein Come Back: Wooohoooo! Was für ein Finale! Wie viele Menschen in ähnlicher Situation nicht wieder auf den Sattel gefunden hätten reicht uns dann schon als Beweis für die Brillianz dieses einen, wenngleich vieles sicher auch einfach nur Glück, Umstände und den richtigen Freunden geschuldet war.

Nun befinden wir uns in einer leistungsgetriebenen und individualisierten Gesellschaft. Wir beten Menschen die „ihr Ding“ durchziehen geradezu an und lesen Erfolg an Geld, Einfluß und Sichtbarkeit einzelner Gallionsfiguren ab. Mich stört dabei nur das Schubladendenken, dem wir uns dadurch unterwerfen. Nennt mich idealistisch, aber ich glaube wir sind alle A,B und C People, je nachdem in welchen Umständen wir uns wiederfinden und welche Menschen wir um uns haben. Ich kann nicht einen meiner Erfolge nur allein auf mich beziehen, das waren immer Erfolge, die von anderen ermöglicht wurden.
Umgekehrt ist jede noch so brilliante und visionäre Führungsfigur ein Produkt ihrer Umgebung.

Das geht übrigens in zwei Richtungen.
So habe ich auch schon Teams mit unglaublich unkompetenten Managern gesehen, die trotzdem erfolgreich waren, da ihr Team für sie die Kohlen aus dem Feuer holte. Wird das gesehen? Nur wenn man genau hinsieht. Alle flüchtigen oder distanzierteren Beobachter werden Führungskompetenzen vermuten.

Sätze wie der „A people hire…“ springen daher viel zu kurz, ja machen mich geradezu ärgerlich. So einfach sind wir Menschen nicht, in Gruppen noch viel weniger. Ich bevorzuge deswegen eine grundsätzlich andere Philosophie. Wenn ich nämlich akzeptiere, dass Erfolg ein Produkt meiner Umgebung ist, dann gibt es nur eine richtig gute Strategie damit umzugehen: Ich sollte meiner Umgebung dabei helfen erfolgreich zu sein und mich davor hüten den Stab über Leute zu brechen, die es gerade nicht sind.

Statt also selbst zu versuchen, in den erlauchten Kreis der A-People zu kommen, helfe ich lieber anderen dabei erfolgreich zu sein. Im Ergebnis strahlt das manchmal vielleicht sogar auch auf mich selbst ab, in jedem Fall aber erzeugt es eine Arbeitsumgebung in der ich mich wohler fühle als in dem Laden, den es angeblich seinerzeit bei Steve gegeben haben soll…

Es lebe der Mythos

Neulich war wieder einmal eine Social-Media-Mitmachwelle im Netz unterwegs. Konkret ging es darum, eine Liste von Büchern deren Lektüre geprägt hatte aufzustellen. (ich schrieb an anderer Stelle darüber)

Die Freundin, die mich nominierte, nannte denn auch als ihren absoluten Favorit „Die Rede des Häuptlin Seattle“ und erntete einiges an Beifall.
Natürlich ist so ein Buch in einer Leseliste viel mehr als ein reiner persönlicher Favorit. Es ist eine demonstrierte Lebenseinstellung, ein Aufruf, ein Statement über die eigenen Ansichten. Außerdem – und das ist besonders bemerkenswert – ist es ein Stück Popkultur.

Huh? Popkultur?
Exakt.

Denn den wenigsten der dieses Buch zitierenden Menschen ist bekannt, dass es sich bei der üblicherweise gemeinten Version eben nicht um die Aufzeichnung der originalen Rede (die es tatsächlich gegeben hat) handelt sondern um einen anläßlich eines Films in den 70ern neu geschriebenen Text.

Natürlich tut das der Aussage keinen Abbruch und der Text ist sicherlich nicht weniger wertvoll. Dennoch lässt sich aber auch unterstellen, dass gerade die vermutete Weisheit eines alten Indianerhäuptlings und die Romantisierung seines kulturellen Hintergrunds wichtig sind. Sonst könnte man schließlich auch das Parteiprogramm der Grünen oder eine Politikerrede des Klimaschutzgipfels heranziehen. Das wäre aber irgendwie nicht ganz so stilecht und identitätsstiftend, oder?

Bei der Beschäftigung mit diesen Gedanken fiel mir denn auch ein Buch ein.
Passend, nicht wahr?

Philip K. Dick erschuf eine Reihe großartiger Science Fiction Romane, einer davon trägt den Titel „Do Androids Dream of Electric Sheep?“ und war tatsächlich Inspiration für den berühmten SF Film „Blade Runner“. Wie im Film (der ansonsten recht wenig mit dem Roman zu tun hat) geht es in dem Buch um Replikanten, dem Menschen täuschend ähnliche Androiden. Eine Gruppe aufständischer Replikanten versucht nun die Menschen aufzurütteln und ihnen klar zu machen, dass viele ihrer Annahmen auf unwahren Mythen beruhen. So basiert die in dieser Zukunft vorherrschende Religion auf einer in einem Studio erschaffenen Fiktion. Als nun die Androiden genau diesen Umstand beweisen, erwarten Sie Umwälzungen und sind vollkommen perplex als die Menschen der Enthüllung vollkommen gleichgültig gegenüber stehen.

Sobald also ein Mythos einmal ausreichend etabliert ist, funktioniert er unabhängig ob die zur Stiftung eingesetzten „Fakten“ tatsächlich der Realität entsprechen. Anhänger erwidern dann, dass der Sinn schließlich auch noch bestehe wenn Zweifel an der Faktenlage bestünden. Es wird eine weitere Bedeutungsebene geschaffen, die dann unabhängig weiterlebt.

So dürfte es eigentlich vollkommen egal sein, was Seattle nun wirklich gesagt hatte. Im kollektiven Gedächtnis der Menschheit bleiben seine Worte als Weisheit und sinnstiftende Ermahnung und leben als Meme weiter, dass ganz ohne seinen Stifter auskommt.

Wer weiß, würden wir den Herrn der Ringe vergraben, vergessen und erst in 100 Jahren wieder entdecken, könnte dieses Buch sicherlich locker als Bibelersatz herhalten…

Sind wir auf Frust gepolt?

Es ist eine spannende Frage, die ich mit Alexander, meinem Partner in Das Ferngespräch zum Abschluss, gewissermassen „of the record“ noch diskutiert habe… Sind wir eigentlich darauf ausgelegt zufrieden zu sein oder kann unser Gehirn eigentlich gar nicht anders als ständig zu meckern.

Alexander führte seine Erfahrungen in dem buddhistischen Kloster in Indien ins Feld. Dort werde die Zufriedenheit mit Kleinigkeiten gepredigt. Wir können uns an vielen Kleinigkeiten erfreuen und dadurch ultimativ zu unserer Zufriedenheit und Glück finden.

Ich wiederrum meinte, dass Glück per Definition immer ein Ausnahmezustand ist. Ich glaube, Glück entsteht immer auch in Beziehung zu einer Vergleichsgröße. Ich bin glücklich weil ich mich daran erinnere, wie es ist, unglücklich zu sein.

Denn seien wir mal ehrlich: Wären wir dauernd glücklich, so ließe sich das irgendwann nur noch durch fortgesetzten Drogenmißbrauch erklären. Alle anderen Menschen brauchen für Glück in aller Regel einen Grund und eben damit auch eine Vergleichsgröße. Grundlos glückliche Menschen sind meiner Erfahrung nach entweder stoned oder haben andere Probleme.

Hirnphysiologisch ist es übrigens tatsächlich gar nicht schwer einen glücklichen von einem unglücklichen Menschen zu unterscheiden. Was es braucht ist allein der passende Chemiecocktail und schon geht es uns gut.

Es gibt übrigens auch einen anerkannten Standard-Test, den Oxfort Happiness Inventory (OHI), der mit Hilfe eines psychometrischen Tests eine Einstufung vornimmt. Ich erreiche einen Score von 5.3, bin also vermutlich gerade noch von der zurückliegenden Woche geflasht oder auf Drogen 🙂

Prof. Dr. Ruckriegel fasste 2006 sehr gut zusammen, aus welchen Blickwinkeln wir auf Glück schauen können. Demnach gibt es folgende Faktoren:

  • familiäre Beziehungen
  • finanzielle Lage (Einkommen)
  • befriedigende Arbeit
  • soziales Umfeld
  • Gesundheit
  • persönliche Freiheit
  • Lebensphilosophie (Religion)

Dabei wird der Wert von materiellen Gütern in unserer westlichen Welt oft überschätzt und besonders auch unterschätzt wie schnell der Gewöhnungseffekt dann doch einsetzt.

Sieht man sich jedenfalls diese Liste an, so wird schnell klar: Diese Faktoren alle in einer befriedigenden Balance zu halten dürfte ausgesprochen schwer fallen. So geht finanzieller Wohlstand oft mit einer Einschränkung der persönlichen Freiheit einher. Zu viel Konzentration auf Arbeit mag zu Schwierigkeiten im familiären Umfeld führen etc.

Unser grundsätzlich soziales Gehirn legt noch eine Komplikation oben drauf. So sind es auch oft die Emotionen der Menschen in unserer Umgebung, die einen massiven Einfluß auf unsere eigenen Empfindungen haben. So hatte Facebook vor einiger Zeit getestet, ob das gezielte Auswählen von Nachrichten einen Einfluß auf deren geäußerte Stimmungen haben könne. Die beteiligten Wissenschaftler denken nun, das sei so (auch wenn andere die Struktur der Studie als unzureichend kritisieren). In jedem Fall dürfte es schwer fallen, glücklich zu sein wenn man von unglücklichen oder auch nur unzufriedenen Mitmenschen umgeben ist.

Doch zurück zu etwas für uns vermeindlich Kontrollierbaren: Die oft zitierten Kleinigkeiten, an deren Wert wir uns im Alltag viel zu wenig erfreuten. Leider ist damit ebenfalls kaum ein umfassendes Glücksgefühl erreichbar, bestenfalls kurze Momente der Freude und in der Summe vielleicht Zufriedenheit. Glück ist jedoch mehr als das. Die Glücksforschung definiert dieses Gefühl oft unter anderem auch dadurch, dass es zeitlich begrenzt sei und vom Wunsch der Wiederholung begleitet sei.

Genau dieser Wunsch auf Wiederholung aber treibt uns oft voran. Wären wir in einem Zustand permanenten Glücks, gäbe es schließlich keinen Grund mehr, die Situation zu verändern. Weil Glück aber vergänglich ist, arbeiten wir immer wieder aufs Neue darauf hin. Ein Großteil unserer Erfolge, viele unserer Entwicklungen, Experimente und Veränderungen lassen sich damit erklären. Evolutionär macht es also eigentlich viel mehr Sinn, uns diese „Glückskarotte“ vor die Nase zu halten. Wir bleiben dadurch in Bewegung und schreiten voran. Leider meist unzufrieden und gewissermaßen hungrig.

Vielleicht ist daher auch der Anspruch auf Glück nicht direkt umsetzbar. Eventuell ist es besser, mit dem Streben nach Zufriedenheit zu beginnen. Von da aus kann man dann vielleicht besser nach seinem Glück greifen.

Gedanken zu House MD

Ich habe keinen Fernseher und liege damit laut einer Studie der GfK voll im Trend. Allerdings verdiene ich kein Mitleid, denn die Leinwand-Beamer-Kombination in unserem Wohnzimmer lässt manches Dorfkino erblassen.
In der Tat schauen wir aber kein TV, wir zappen nicht, sondern schauen gezielt US Serien und Kinofilme. Warum ich das für einen fundamentalen Unterschied halte soll gerne mal Gegenstand eines anderen Posts werden.

Unter meinen Favoriten sind Serien mit hohen Produktionsbudgets und damit guten Drehbüchern, aufwändigen Sets und spannenden Storylines. Beispiele dafür sind Six Feet Under, True Blood, The West Wing und eben auch meine derzeitige Lieblingsstory House MD. Auch damit liege ich übrigens angeblich genau im Trend. Verdammt. Wir sind dann doch weniger individuell als wir immer glauben.

Doch zurück zu House MD: Hauptfigur ist Dr. Gregory House, ein beeindruckend brillianter Diagnostiker mit bissig-zynischem Auftreten und sehr losem Verständnis für Regeln. Er ist sexistisch, bissig – kurz: Ein Arsch. Trotzdem symphatisiert man irgendwann mit dieser Figur und House selbst ist umgeben von Menschen, die zwar unter ihm leiden, aber trotzdem immer wieder für ihn durchs Feuer gehen, ja ihn geradezu lieben.

Tatsächlich gibt es diese Konstellation nicht erst seit House. Die Hauptfigur in Lie to me ist beispielsweise ebenso egozentrisch, ähnlich bissig Mann und ein Meister seines Fachs (in diesem Fall die Deutung von Mimik).

Was nun macht die Faszination dieser Charaktere aus? Warum sind diese Serien derart erfolgreich und die Hauptfiguren so beliebt? Für mich persönlich sind das zwei Aspekte:

  1. House ist derart brilliant, dass er dadurch praktisch unangreifbar wird. Egal, welche Regeln er bricht: Es steht immer außer Zweifel, dass er einem größeren Zweck dient und seine Umwelt zweifelt seine Brillianz nie wirklich an. Diese Brillianz ist sein Schutzschild, sein Joker. Er rettet Menschenleben der Puzzles wegen und der Erfolg gibt ihm ein ums andere Mal Recht. Meine Güte, was wünschte ich mir, über eine ähnliche Kompetenz zu verfügen! Seit der Antike ist diese Idee – die Übermacht des individuellen Geistes – fest in unserer Gesellschaft verankert. Patrick Breitenbach würde es ein Meme nennen. Wir alle glauben daran. Allein, sie stimmt nicht.
    Das Problem ist die individuelle Kombination: Brillianz als Ausgleich für asoziales Verhalten gibt es nun einmal nicht.
    Um nämlich überhaupt an die Position zu kommen, seine Brillianz (wenn sie denn existiert) ausleben zu können, muss man sich vielen Regeln beugen. Bis es dann so weit ist, verhält man sich eben korrekt. Obendrein gibt es kaum Menschen, die tatsächlich für sich beanspruchen können derart ausnahmetalentiert zu sein (sonst wäre es ja keine Ausnahme mehr :-)) und wer es ist, hat in aller Regel eine harte Zeit. Schließlich fördern wir Menschen lieber den Durchschnitt als das Besondere in unserem Umfeld. Studien haben immer wieder gezeigt: sobald jemand uns ähnlich ist, finden wir ihn symphatisch, das attraktivste Gesicht in der Menge ist eine Mischung aus allen. Und was das Talent angeht: Ein Blick in den Alltag in Unternehmen zeigt, dass Teamkollegen Ausnahmebegabte Mitmenschen auch mal lieber an den Rand drängen um Konkurrenten loszuwerden als sie nach vorne zu bringen. Tja. Fazit also: Ich weiß, dass meiner Brillianz enge Grenzen gesetzt sind, aber selbst wenn dem nicht so wäre, befreite auch das nicht davon sich mit seiner Umwelt zu arrangieren. Zum Glück.
  2. House ist oft ein seine Umwelt drangsalierender Unsympath. Er entlässt Menschen aus Launen heraus, manipuliert, verletzt systematisch Gefühle und ordnet andere Menschen seinen jeweiligen Zielen unter. Grenzüberschreitung ist Programm und zugegebenermaßen auch Teil des Spaßes für den Zuschauer. Trotzdem steht seine Umwelt immer wieder zu ihm. Er hat Freunde, einen Job und in seinen dunkelsten Stunden helfen seine Mitmenschen ganz selbstverständlich. Was für ein Traum! Man stelle sich vor: Egal was wir tun, wir sind nie allein. Das ist wie die „Du kommst aus dem Gefängnis frei“-Karte in Monopoli. Wir „normale“ Menschen hingegen verbringen unsere Tage damit mit wechselnder Berechtigung sorgenvoll auf die Beziehungen zu achten, die uns wichtig sind. Denn wir wissen: Menschen sind fast nie altruistisch und Beziehungen können zerbrechen. Meine Frau verlässt mich wenn ich sie ständig anlüge, mein Chef zeigt mir die Tür wenn ich ihn beschimpfe und meine Kollegen werden mich in meine Schranken weisen wenn ich sie gegeneinander ausspiele. Es gibt also viele Gründe sich zumindest teilweise im Zaum zu halten. Und in der Realität drehen sich Menschen eben irgendwann von uns ab wenn wir ihre Geduld überstrapazieren.

Gibt es nun ein Fazit? Nicht wirklich.
Ich habe große Freude an den Dilemmata in Serien wie House MD, verfolge die Dialoge, schätze die Rätsel und lache mich schlapp über bissige Formulierungen. Bei alledem beneide ich den Charakter um seine Brillianz, bewundere die Treue seiner Mitmenschen und bin gleichzeitig froh darüber, dass mich niemand zwingen könnte Menschen wie ihn in meiner Nähe zu dulden…


kleines Update:
Die Diskussion im Kollegenkreis brachte Zweifel. Viele sind der Meinung, es gäbe eben doch brilliante Unsymphaten, besonders der akademische Sektor würde derartiges Verhalten ja geradezu fördern. Außerdem seien ja immer wieder Menschen in kaputten Beziehungen gefangen und stünden wieder besseren Wissens eben doch zu ihren Partnern obwohl die es gar nicht verdient hätten. Klingt irgendwie richtig.
Ich glaube nur, dass es nahezu ausgeschlossen ist, gleichzeitig beides zu haben. Die meisten Brillianzbolzen haben wenigstens gelegentlich sozial verträgliche Verhaltensweisen und die asozialen Idioten sind in der Regel weder Brilliant, noch besonders erfolgreich…

Flexi-Pesci-Vegan-Vegetarier (und Außerirdische)

Unser Großer ist Vegetarier. Für ihn ist das eine Gelegenheit, sich abzugrenzen und erwachsener zu werden. Für uns Eltern ist es eine Möglichkeit die Gemüseaufnahme unserer Kinder zu erhöhen. Toll!

Erstaunlich nun die Reaktion unserer Umwelt. Der Hort meinte etwa, als wir baten die Entscheidung unseres Ältesten zu respektieren, das sei doch ohnehin bald wieder vorbei und es gäbe Probleme einem Kind in der Gruppe eine Sonderstellung einzuräumen. Hm. Wir bestanden auf dieser Sonderstellung. Ok, ging dann doch.

Vegetarier = automatisch gesund?

Andere Kommentatoren meinten, wir müssten ab jetzt doch bestimmt gezielt Vitamine beimengen. Es sei doch schließlich problematisch ganz auf Fleisch zu verzichten. Ähm… nö… Freunde, auf Fleisch verzichtet es sich ganz einfach. Ein Vegetarier isst ja immer noch Käse, Joghurt, Eier – kurz: tierische Eiweiße und Fette. Gesünder lebt er aber auch nicht automatisch. Um es mit einer Bekannten zu sagen: Ich kann mich den ganzen Tag von Pommes ernähren und mich mit Recht Vegetarier nennen.
Aber – und das ist ein wichtiger Einwand – Vegetarier zu sein erhöht bei den Meisten die Vielfalt nicht-tierischer Anteile in der Diät. Hüsenfrüchte, Obst, Salate, Nüsse, Joghurt, Käse… die verschiedenen Varianten können wichtiger werden. Bei uns wurden sie das zumindest.

Und Veganer?

Schwierig wird es erst bei Veganern. Die schwören nämlich eigentlich nicht einer bestimmten Nahrungskategorie ab (tierischen eben), sondern handeln nach der Maxime, Tiere nicht auszunutzen. Schwierig wird das dadurch, dass unsere Gesellschaft schlicht nicht darauf ausgerichtet ist. Kaum ein Restaurant, kaum eine Party wo der der Veganer auf seine Kosten kommt. Außerdem ist es hier eben doch besonders wichtig ausgewogen zu sein in der Ernährung. Mit einem Vitamin (B12) fehlt sogar ein Nährstoff ganz und man muss in seiner Ernährung besondere Sorgfalt walten lassen und darf nicht mehr darauf vertrauen sich praktisch „automatisch“ richtig zu ernähren.

Eigentlich wäre ich gern vegan. Oder auch nicht?

Veganer zu sein heißt damit vieles selbst zuzubereiten und kompetent über die eigene Ernährung zu wachen. Für uns bedeutet das entweder ein Familien-Commitment oder eben kein Veganertum. Unsere Kinder können das selbst kaum umsetzen ohne sich in die Mangelernährung zu navigieren. Wir arbeiten beide und können damit kaum vollständig über ihre Ernährung wachen.

Ich selbst finde die Einstellung vieler Veganer absolut bewundernswert. Konsequent auf das Ausnutzen anderer Wesen zu verzichten ist ein wunderschöner Gedanke. Allein für mich ist er nicht umsetzbar. Ganz praktisch schon wenn es um die Nutzung von Milch geht, über Eier und ja, auch um das Steak, das ich mir alle paar Wochen nicht nehmen lasse.

Für mich war das Thema lange Jahre ein schwarzer Fleck. Ich selbst hatte mich oft bei dem Gedanken ertappt, es sei eigentlich ein ethischer Imperativ, Tiere zu schützen und respektvoll zu behandeln. Sie zu töten um sie zu essen wiederspricht dem eigentlich ganz offensichtlich. Ja, man könnte sogar so weit gehen, dass unser Beharren auf dem Recht, Tiere zu essen eine Form von Rassismus darstellt. Wir werten Tiere niedriger als unsere eigene Rasse und leiten daraus das Recht ab, über sie frei zu verfügen.

Natürlich verwahren sich viele Bekannte mit denen ich das Thema ansprach diesem Gedanken. Es stellt unsere tägliche Praxis schließlich massiv in Frage und legt nahe, dass das vielleicht auch moralisch irgendwie „nicht in Ordnung“ sein könnte. Ergo wehren sich viele massiv, bis hin zu Ärger, der aufkommt. Hm…

Was wenn Außerirdische…

Ich halte dem mal ein Gedankenexperiment entgegen: Stellen wir uns vor, heute landeten uns grenzenlos überlegene und weiterentwickelte Außerirdische auf der Erde. Sie blickten sich um und stellten fest, dass wir Menschen ganz vorzüglich zu ihrer Ernährung und allen möglichen anderen Produkten geeignet seien. Besonder auch das Fleisch unserer Babies erfreut die Gaumen der Neuankömmlinge. Deswegen beginnen sie damit, uns systematisch zu töten. Natürlich achten sie dabei darauf, dass wir nicht mehr als notwendig unter der Prozedur zu leiden hätten und alles effizient abläuft. Während wir lebten würden wir artgerecht gehalten und unser Lebensende käme zur perfekten Zeit kurz und schmerzlos.
Na? Gruselig? Aber hallo! Diese Außerirdischen könnten dieselben Argumente für sich geltend machen wie wir nutzen um unsere eigenen Praktiken zu rechtfertigen.

Ich selbst bin nicht besser

So schwankte ich denn auch in meinem Leben zwischen den Versuchen, auf Fleisch zu verzichten und diversen Rückfällen. Irgendwann erlaubte ich mir schließlich, nicht perfekt zu sein und 9 von 10 Tage Vegetarier zu sein. Das sind immerhin 9 Tage weniger Fleischgenuß als viele meiner Kollegen und Bekannten 🙂

Das eine Mal Fleisch essen erfährt dadurch – und das ist ein schöner Nebeneffekt – eine Aufwertung. Ich esse dann eben keine Streichwurst aus dem Kühlschrank sondern ein hochwertiges Stück Bio-Fleisch im Steakhaus. Natürlich starb die Kuh trotzdem dafür, aber zumindest habe ich keine gedankenlos zum Konsumprodukt verarbeitete Wurstmasse genutzt. Ergebnis: Ich werfe kein Fleisch mehr weg, das war früher manchmal anders. Ein schlechtes Gewissen habe ich angesichts meiner mangelnden Selbstdisziplin trotzdem immer mal wieder.

Die Veganer als die Bösen

Für mich war also immer schon klar, dass Vegetarier und Veganer eigentlich die Guten, die Konsequenten, die Willensstarken und Prinzipientreuen sind. Überraschend finde ich deswegen immer wieder festzustellen, dass es aber auch den genau gegenteiligen Blickwinkel gibt. Immer wieder begegne ich Mitmenschen, die regelrecht agressiv über Veganer sprechen. Wenn ich anmerke, dass ich das Gedankengut bewundernswert finde und nachvollziehen kann, ernte ich Stirnrunzeln und manch einer meiner Mitmenschen reagiert wahlweise mitleidig oder fast schon ärgerlich.

Liegt es daran, dass Veganer implizit eben nicht nur über ihr eigenes Eßverhalten sondern eben auch über das Verhalten ihrer Umwelt urteilen? Ist es das unterdrückte Bewußtsein, dass da vielleicht irgend etwas an unserem Verhalten doch nicht ganz in Ordnung sein könnte?

Tja…

Ich jedenfalls halte Euch (Veganer) weiterhin für die Guten. Und ihr müsst mir einfach verzeihen (oder hinnehmen, je nachdem), dass ich nicht so klar positioniert bin wie ihr.

Aber an dem Tag an dem vollsynthetische Steaks akzeptabler Qualität auf den Markt kommen bin auch ich Veganer, versprochen!

Leselisten wie sie sein sollten

Die Menschheit ist offensichtlich anfällig für Kettenbriefe und Schneeballsysteme. Ich bilde da auch keine Ausnahme, hatte ich doch erst kürzlich selbst an der Ice Bucket Challenge teilgenommen.
Diese Aktion war ein Riesenerfolg und rückte die Krankheit ALS in das Bewusstsein hunderter Millionen Menschen. Auch wurden Millionensummen gespendet und dank witzigem Video hatten wir auch noch alle Spaß dabei… Erfolgsrezept war eindeutig das genannte Schneeballsystem und der Kettenbriefeffekt.

Zynische Geister freilich wissen es besser. Hatten wir nicht eigentlich nur den sozialen Status im Sinn? Was wenn nicht wir aber alle unsere Freunde nominiert werden würden? Wie viele spendeten überhaupt? Eigentlich war das doch ein Riesen Selbstdarsteller-Fest, von der Wasserverschwendung mal ganz zu schweigen…

Wie viel besser ist da nun die neueste Aktion, die der Ice Bucket Challenge gleich auf dem Fuße folgt: Eine Leseliste wird gefordert. 10 Bücher, die uns geprägt haben, sollen wir liefern und eine Gruppe anderer benennen, die dann ihrerseits eine Liste liefern.

Endlich eine wundervolle Gelegenheit der Selbstdarstellung und anders als bei der Ice Bucket Challenge kostenlos und gewissensbißfrei! Einzig ein Problem besteht noch: Welche Auswahl an Literatur lässt uns nun im perfekten Licht erscheinen? Eher etwas übertreiben? Wollen wir unsere spirituelle oder unsere intellektuelle Seite betonen?

Kaum einer will zugeben, falls er zwar alle Romane von Stephen King aber keinen einzigen Klassiker gelesen hat. Noch weniger würde man öffentlich äußern, dass vielleicht doch mehr aus „Feuchtgebiete“ und weniger von „der Steppenwolf“ in Erinnerung geblieben war.

Ich lese viel und sehr Unterschiedliches. Ein Bekannter erzählte mir einmal, Amazon betrachte Leser, die mehr als 20 Bücher pro Jahr beziehen, als Vielleser. So gesehen bin ich mit 3-4 Büchern im Monat gut dabei.

Viele dieser Bücher haben auch Spuren hinterlassen. Das ist aber meist weniger Verdienst des Buches als eine Kombination aus meiner eigenen Stimmung, Lebensphase und willkommenen Impulsen aus den Texten. Geprägt hat mich vermutlich am ehesten noch die Was-Ist-Was-Sammlung meiner Jugend. Stundenlang konnte ich mir das Themenbuch Weltraum oder die Ausgabe über Dinosaurier anschauen. Tatsächlich geht mir das heute immer noch so 🙂

Aber generell beeindrucken mich Bücher bestenfalls. Prägen? Nein, geprägt werde ich dann doch von Menschen und weniger von Büchern. Bücher beeindrucken, vielleicht stoßen sie auch gelegentlich Denkprozesse an. Sie bilden sicherlich. Aber ohne Diskussion und damit ohne fruchtbaren Boden auf dem diese Denkprozesse zu Ideen werden, sind sie reine Papierverschwendung.

Wer sich nun meine persönliche Top 10 wünscht, der muss sich Zeit nehmen, denn die kann ich eigentlich nur für meinen Gesprächspartner maßschneidern. Am Besten an einem gemütlichen Abend vor einem prasselnden Feuer.
Dann erzähle ich von meinen liebsten Geschichten, faszinierenden Sachbüchern und hänge an den Lippen meines Gesprächspartners wenn er von seinen Favoriten berichtet…

Wie viel Geld braucht man zum Leben?

Dieser Blogpost war bisher auf primbs.de im Archiv und hat nun hier auf Dauerstauner ein neues Zuhause gefunden…

Unter den vielen Dingen, die ich so mache und begeistert betreue, gibt es ein ganz besonderes Projekt: Das Ferngespräch. Es handelt sich dabei um ein Podcast Projekt bei dem wir die Gelegenheit haben, einem Weltreisenden (Alexander) bei einer einjährigen Weltreise „über die Schulter“ zu schauen. Mich fasziniert daran besonders die philosophische und die psychologische Komponente. Mit seinem Trip stellt Alexander unter anderem viele Grundannahmen auf die Probe und wir diskutieren regelmäßig darüber.

Heute nun ging es uns auch allgemein um Konsum. Alexander hatte vor einiger Zeit einen kurzen, sehr sehenswerten Vortrag des Neurobiologen Prof. Gerald Hüther entdeckt. Dort nimmt er sehr kurzweilig ein paar Zusammenhänge zwischen Konsum und wahrgenommenem Glück aufs Korn.

Unsere Diskussion nun ging darum, dass Alexanders Meinung nach die Grundannahmen auf denen viele Menschen ihr Leben aufbauen und ihre Ängste falsch und unbegründet sind. Als Ergebnis identifizierten sich Menschen nicht mit ihrem Leben/ihrer Arbeit und wären daher meist unglücklich. Ergo: Sie betäuben ihren Kummer durch Konsum und je mehr Konsum, desto mehr Geld muss ran… etc. etc.

Jedenfalls fragte mich Alexander irgendwann wie viel Geld man meiner Meinung nach zum Leben bräuchte.

Hm… Kurz mal Pause… Überlegt mal: Was braucht ihr so?

Meiner Meinung nach gibt es drei mögliche Antworten auf die Frage „Wie viel Geld braucht man zum Leben?“

1. Gar keins

Genau. Geld braucht man nicht, wenn es „nur“ ums Überleben geht. Dabei beziehe ich mich übrigens auch nicht auf Menschen, die von der „Stütze“ leben oder betteln, denn die brauchen ja eben doch Geld. Ich meine vielmehr Menschen, die autarke Lebensmodelle verfolgen, indem sie etwa ihren gesamten Bedarf an Lebensmitteln selbst produzieren und per Tauschwirtschaft Mängel untereinander ausgleichen. Das führt aber zu einem wichtigen Punkt: Ressourcen braucht man eben doch, mindestens Zugriff auf Land etwa und Wissen. Die hat man entweder schon, oder muss sie erwerben. Letzteres ist in der Regel aber ohne Geld nicht möglich.

Nehmen wir nun aber an, dass die meisten Menschen eben nicht in der Lage sind, ihren gesamten Bedarf aus eigener Produktion zu stillen, bleibt uns eine Erkenntnis: Lossagen vom gegenwärtigen kommerziellen System mag toll klingen, funktioniert aber nicht. Es stellt sich also die Frage, was der minimal notwendige Aufwand für eine Deckung der Grundbedürfnisse wäre. Außerdem ergibt sich eine Erkenntnis: Lebenshaltungskosten sind relativ:

2. Es hängt vom Ort ab

Ein Apfel in München kostet deutlich mehr als ein Apfel in Bangkok. Eine Wohnung in Berlin will beheizt werden, eine in Thailand nicht unbedingt. Es sollte selbsterklärend sein: Selbst wenn ich „nur“ von der Basisversorgung ausgehe (eine Garnitur angemessener Kleidung, gesundes Essen, ein Dach über dem Kopf, ärztliche Versorgung), variieren die Kosten dramatisch. Dieses Geld will erarbeitet werden. Der vermutlich günstigste Fall ist ein alleinstehender, kinderloser Mensch Mitte 20, denn hier haben wir es mit einem gesunden Menschen ohne Verpflichtung zu tun. Aus diesem letzten Satz leitet sich aber ein wichtiger weiterer Punkt ab:

3. Es hängt von der Lebenssituation ab

Es kommt eben auch noch darauf an, wo man sich auf seinem Lebensweg befindet und welches Modell zugrunde liegt. Ein Rentner hat vielleicht erhöhte Arztkosten, eine Familie mit Kindern muss darüber hinaus zusätzlichen Lebenunterhalt und Material für die Schule etc. einkalkulieren usw. usf. Vielleicht gilt es eine Ausbildung zu finanzieren, evtl. hat man die Verantwortung für andere Menschen übernommen, etc. Meine Erfahrung: Die Kosten explodieren in bestimmten Lebenssituationen geradezu. Wer etwa Kinder im Krabbelalter hat, kann ein Lied von Kleiderkosten singen: Die Kleidung ist so schnell kaputt, dass es kaum second hand Optionen gibt und man kann den Kindern praktisch beim Wachsen zusehen, so dass obendrein ein ständiger Bedarf zu stillen ist…

Hm…?

Natürlich ist auch in diesen Fällen der tatsächlich notwendige Betrag immer noch deutlich niedriger als die Summen, die wir gewohnt sind auszugeben. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass wir uns gerne auch „etwas gönnen“ wollen. Kleidung soll auch mal neu sein, beim Essen achten wir auf fair trade, wir sind Kaffee-Liebhaber oder Film-Fans usw. Die Summen steigen so mit unseren Ansprüchen. Man nennt das gerne „Lebensstandard“. Was dabei für uns Westler unsichtbar bleibt ist, dass wir diesen Lebensstandard am Ende der Wertschöpfung genießen, weil andere vor uns Werte durch Arbeit geschaffen haben. Die werden dann umverteilt und durch globale Prozesse weiter veredelt und verteuert.

Mein Punkt: Aus diesem System kann keiner von uns aussteigen. Wir können es kritisieren. Wir können bemerken, dass manche Menschen mit Konsum Defizite auszugleichen versuchen, wir können unsere Bedürfnisse auf den Prüfstand stellen und erkennen, dass wir viel weniger brauchen als wir glauben. Aber: Es bleibt Konsum. Weniger vielleicht, bewusster evtl. aber dann doch Teil des Systems, denn mein Kind nackt krabbeln zu lassen ist eben doch keine echte Option…

Kann man ausbrechen?

Ich glaube nicht. Zumindest nicht wirklich. Denn: Würden wir alle – sagen wir mal – feststellen, wir kämen mit 10€ am Tag aus und wollten unser Leben darauf ausrichten, gäbe es gleich mehrere Probleme.

  1. Wovon leben zukünftig die anderen Menschen, deren Unterhalt bisher durch unseren Konsum mit-finanziert wird? Radikal betrachtet gibt es Fabriken voll mit Textilarbeiter in Malaysia nur deswegen weil im Westen so viel T-Shirts gekauft werden. Natürlich müssen wir um menschenwürdige Arbeitsbedingungen und faire Bezahlung ringen, aber trotzdem steht außer Frage, dass weltweit Milliarden Menschen davon abhängig sind, dass andere ihre Leistungen und Produkte in ausreichendem Maße anfragen.
  2. Viele Produkte und Dienste existieren nur, weil es Konsum gibt. Stellen wir uns doch die Frage wie die Welt wohl aussähe, wenn wir alle bei der Tauschwirtschaft stehen geblieben wären. Weltweit reisen? Internet? Ganzjährig ausgewogene Ernährung? Fraglich… Ich glaube (ohne es akademisch durchleuchtet zu haben), dass Menschen sich nur dann aus dem System verabschieden können, wenn sie in der Minderheit bleiben. Solange die selbstversorgende Dorfgemeinschaft noch einen Bus nutzen kann um im Notfall ins Krankenhaus zu kommen ist gewissermaßen alles ok…
  3. Die meisten Einkommensmodelle lassen keine geminderte Erwerbstätigkeit zu: Um an einen Punkt zu kommen, dass man wirklich gut bezahlt wird und den Luxus hätte mit wenig Zeitaufwand genug Geld zu verdienen, muss man erst einmal vollständig im System sein und sich voran gearbeitet haben. Steigt man aus, fällt das Niveau schnell wieder ab. Ergo: Es ist Luxus, zum Aussteiger zu werden. Um das ernsthaft tun zu können, muss man zunächst eine beträchtliche Hürde genommen haben. Es gibt viele Menschen, die arbeiten den ganzen Tag für 10€ und weniger. Für die klänge diese ganze Diskussion höchst befremdlich, denn aussteigen ist nicht wirklich als Option gegeben.

Darum glaube ich, ein echter Ausstieg ist nicht möglich. All jene, die sich ihre Freiheit „kaufen“, haben eigentlich das System bis zu dem Punkt unterstützt, dass sie das überhaupt erst leisten können. Außerdem wäre das Leben als Aussteiger ganz schnell ziemlich miserabel, wenn alle dem Beispiel folgten. Ergo: Jeder moderne Nomade, der in Freiheit durch die Welt tingelt und online Geld verdient profitiert davon, dass der reiche Westen konsumiert und die armen Teile der Welt schön billig bleiben. Geld braucht er nämlich trotzdem und dafür nutzt er das System geschickt, um uns Konsumenten als Geldquelle einzusetzen.

Und noch ein Gedanke: Ich will gar nicht mit dem absoluten Minimum auskommen. Denn: Ich studiere gerne (kostet Geld), halte das Internet für eine großartige, menschheitsverbessernde Erfindung (kostet Geld) und Computer für die faszinierendsten Werkzeuge, die wir bisher geschaffen haben (kostet Geld). Ich gehe gerne in Ausstellungen (tja…) und möchte mein Essen auch mal selbst zubereiten (ein Ofen, Besteck etc…). Und um das Bild komplett zu machen: Ich liebe meinen Job und den dürfte ich nicht machen, wenn ich nur einen Tag die Woche arbeiten wollte.

Im Ergebnis: Wie viel Geld brauche ich zum Leben? – Sicherlich weniger als ich zur Zeit verbrauche.
Und ihr so?