Weinen, dann wirklich wütend werden. Auch auf Euch.

Internet, wir müssen reden…

Ein Bild schaffte es heute mit einem Schlag meine Fassung zu zerstören. Ich hatte ein Meeting mit einem Kollegen. Er ging kurz auf Toilette, ich blickte kurz auf mein Handy, Facebook. Als er drei Minuten später wieder im Raum stand, war unübersehbar, dass mir spontan die Tränen gekommen waren.

Wie kann ein Vater, ein Mensch nicht weinen wenn er ein Kind sieht, das einen so sinnlosen Tod hinter sich hat?

Und dann, ja dann wurde ich unsagbar wütend. Natürlich auf die Idioten, die sich zu dem Bild zynisch äußern würden. Auf die Verbrecher, die in Syrien Krieg gegen die Bevölkerung führen, auf unsere Politiker, die in ihrer Flüchtlingspolitik versagen…

Aber auch besonders auf Dich, Internet. Auf Dich war ich besonders wütend.

Denn eines ist klar: Bilder von Leichen, auch wenn es Kinderleichen sind, ändern leider gar nichts. Die einen, die helfen wollen, werden bis ins Mark erschüttert, die anderen werden das Bild als Untermalung ihrer zynischen Meinung nutzen und übrig bleiben all jene, die keine Wahl haben: Eltern von ertrunkenen Kindern, die plötzlich ungebeten daran erinnert werden. Flüchtlinge, die ihrem Leid zwischen den Nachrichten ihrer Freunde auf Facebook präsentiert bekommen, Kinder, die eigentlich anderes präsentiert bekommen sollten…

Schließlich werden diese Bilder dann noch als Clickbait benutzt, aus dem Kontext gerissen und immer wieder aufgegossen. Leute, es reicht jetzt.

Wir verhalten uns wie Unfallgaffer auf der Autobahn, kollektiv bohren wir mit unserer Zunge in der frisch aufgerissenen metaphorischen Kiefer-OP-Wunde.

Es wird Zeit, dass wir unseren Anstand wieder finden, wir alle. Diejenigen, die meinen anonym sind menschenverachtende Witze ok, diejenigen welche glauben, ihre politische Meinung wird nur gehört wenn sie ins Extrem gedreht wird, diejenigen unter Euch, die ihre Mitschüler durch den Kakao ziehen und darüber lachen, und – ja, die auch – die eigentlich alles immer nur gut meinenden Menschen, die mit Unaussprechlichkeiten im Netz herumtösen statt ihren – entschuldigt die Ausdrucksweise – Arsch von der Couch zu heben und ganz praktisch im echten Leben Stellung zu beziehen.

Ihr seid es nämlich auch, die uns alle systematisch abstumpfen. Wenn jede Welle nur noch von Schlimmeren übertrumpft werden kann… Wohin soll das führen?

So. Rant over. Erst einmal wenigstens.

Willkommen in Deutschland!

„Das Boot ist voll, wir müssen gegen den Asylbetrug und die Wirtschaftsflüchtline vorgehen. Wer wirklich bedroht ist, dem gewähren wir gerne Asyl, alle anderen sollen schnell wieder abgeschoben werden.“ – Schon mal gehört?

Da wabern Shitstorms durch das Social Web, Politiker üben sich in kaum versteckter geistigen Brandstiftung und besorgte Bürger sorgen dafür, dass Menschen, die nicht hier geboren wurden, kaum noch auf die Straße gehen wollen. Implizit gibt es im öffentlichen Diskurs eine Art Reihenfolge und Einstufung. Da gibt es „gute“ und „schlechte“ Ausländer. Die „guten“ sind die Einwanderer, die hierher ziehen um hier in hochqualifizierten Jobs zu arbeiten, dann kommen Flüchtlinge, die zuerst hier ankommen (kaum einer), dann kommen hier geborene Menschen mit Migrationshintergrund…  Ganz übel hingegen sind Asylbetrüger (wie geht das eigentlich, Asylbetrug?) und Wirtschaftsflüchtlinge. Pfui. Die wollen doch nur unsere tollen Sozialleistungen abgreifen und faul rumhängen!

Der Deutsche Michel kann zwischen all denen nicht unterscheiden, sind ja alles irgendwie Ausländer. Wenn die dann noch dem Islam anhängen, dann fühlt er sich obendrein in kultureller Identität und durch die islamisch-terroristischen Brutzellen bedroht. Brrrrrr.

Mir wird da immer ganz anders.

Jenen, die den Verlust ihrer Heimat, Kultur und Identität an Einwanderer befürchten will ich die Frage stellen ob ihre Kinder heute noch dieselben Dinge tun und die selbe Sprache sprechen wie die Jugend vor 30 Jahren? Nein? Ist das nicht auch Verlust von Heimat, Kultur und Identität?
Ich lade ein zu einer Reise in den Schwarzwald, das Erzgebirge oder den Bayrischen Wald. Unterhaltet Euch dort mit den Senioren und überlegt Euch wie viel sich seither verändert hat… Allein zwischen zwei Dörfern in Bayern zu wechseln sollte auch schon deutlich vor Augen führen, dass es „die Heimat“ so eigentlich gar nicht gibt. Kultur oder Identität sind Konstruktionen der Beteiligten. Anderes Personal + Anderer Ort = andere Heimat, Kultur, Identität. So einfach ist das tatsächlich.

Jenen, die Überfremdung befürchten, will ich die Frage stellen woher sie selbst denn ihrer Meinung nach stammen und warum sie sich nicht fremd fühlen? Überfremdung impliziert ja „das Fremde“. Dem kann man begegnen indem man sich kennenlernt um Gemeinsamkeiten zu entdecken. Ein aufgenommener Fremder wird sich der neuen Umgebung anpassen, die neue Umgebung wird Interessante Ideen übernehmen und gemeinsam entsteht etwas Neues. Das ist seit Jahrtausenden so. Warum meinen wir heute, die Dinge wären weniger in Bewegung oder sollten es weniger sein? Wir alle waren irgendwann Einwanderer.

Heimatverlust und Überfremdung sind überhaupt seltsame Konzepte. Letztlich definiert sich diese Heimat und das Vertraute durch zwei Parameter: Wo waren meine Eltern zum Zeitpunkt meiner Geburt und in welcher Umgebung zogen sie mich auf. Woher nehmen wir eigentlich das Recht, ein Land in das man streng genommen selbst eingewandert und eingeboren wurde anderen vorzuenthalten?

Bleibt noch die letzte Angst: „Die“ könnten „uns“ irgend etwas wegnehmen, zu viele Kosten verursachen, unseren Wohlstand aufbrauchen…
Newsflash: Würden wir diese Menschen mit offenen Armen empfangen, ihnen helfen und eine echte Chance einräumen hier ihr eigenes Glück zu versuchen, dann entstünden auch weniger Kosten. Lasst Menschen, die hier sein wollen bei uns leben, arbeiten und lieben! Sie werden uns bereichern und beitragen und Deutschland als ihre Heimat ansehen. Je mehr wir uns mischen, desto weniger fremd und bedrohlich sind „die anderen“.

Wir müssten uns dafür umgekehrt nicht irgendwann von unseren Enkeln fragen lassen, warum wir lieber Abschiebelager gebaut haben, Menschen auf der Straße beschimpften, Asylbewerberunterkünfte mit braunem Terror überzogen und Menschen im Mittelmeer ertrinken ließen als den Reichtum zu teilen und mit allen zusammen eine schönere Heimat schafften…

Es sollte selbstverständlich sein, hierher kommende Menschen aufzunehmen.
Wir sollten ihnen Hilfe, Heim und Arbeit geben, no questions asked.

 

 

Code is not Poetry

Dieser Blogpost wurde inspiriert von dem Vortrag „Code is not poetry„, den Markus Tacker auf dem WebMontag Frankfurt gehalten hat.

Schon seit meiner Teenagerzeit liebe ich Technologie. Meine Laufbahn brachte mich mit rund 15 Programmiersprachen auf Tuchfühlung. Ich liebe Gadgets aller Art, Programmierung und besonders die Techszene in all ihren Ausprägungen. Genau diese Begeisterung spülte mich auch zielsicher immer wieder an die Stellen großer Unternehmen an denen man mit eben dieser Szene eng zusammenarbeiten darf.

Mein Selbstverständnis was mein „Entwicklertum“ anging, durchlief dabei mehrere Phasen:

1. Code als Zauberei: Ganz am Anfang stand zumindest bei mir hemmungslose Faszination sobald der Rechner tat wie ihm geheißen. Außerdem kam das mit einem Gefühl der Macht, wenn es tatsächlich das war, was ich mir überlegt hatte… Die Möglichkeiten schienen grenzenlos. Außerdem verstand nicht jeder was ich da tat, es war also eine Art Geheimwissenschaft, speziell für die Erwachsenen um mich herum geradezu obskur 🙂 Nachdem ich selbst auch oft nicht verstand wie alles zusammenhing, war auch so manches ein Taschenspielertrick was ich als großes Ergebnis feierte.

2. Code als Geheimwissenschaft: Ich erinnere mich noch deutlich daran wie ich als Teenager mit 14 dachte jetzt alles verstanden zu haben als ich meine ersten Assemblerprogramme bastelte (das Gefühl hielt allerdings nicht lange an). Später dann, als ich in erster Linie in Message-boards rumhing und mir mit meinem wenigen Wissen groß vorkam, hielt ich mich für eine Art Hacker in Ausbildung (auch nicht lange). Der Schlüssel war die Annahme, das Code wie eine Art Geheimschrift für Außenstehende war und das Wissen nicht leicht zugänglich. Es kostet Aufwand um gut zu werden und anfangs war ich mir sicher, entweder eine Laufbahn als Hacker oder Spieleentwickler vor mir zu haben. Was sonst? 

3. Code als Kunst: Mit meinen ersten echten Programmen schließlich war mir klar: Programmieren ist eine Art Kunst. Ich meinte in dem kreativen Schaffensakt und meiner Liebe zu schönem Code mehr zu erkennen als pure Technik. Die Kreativität, der Kennerblick mit dem man schöne Lösungen erkannte, die Eleganz der Umsetzung… Programmieren kann großartig sein, wenn man „in the zone“ ist und manches mal wird es fast schon zum Selbstzweck.

Und genau diese Stufe auf der Code als Kunstform empfunden wird, pflegen und hegen die meisten Entwickler. Wir sind schon ein besonderes Völkchen und unsere Werke sind doch sicher nicht mit den Werkstücken eines Schreiners oder Klemptners vergleichbar, oder?

Aber mal ehrlich: eCommerce Webseiten? Abnehm-Apps? Fahrstuhlsteuerungen? Fitnessplan-Assistenten? RSS Reader? Grafiktreiber? Navigationssysteme? Soll das wirklich alles Kunst sein? Uhm… Auch die oft zitierten Spieleentwickler, die als Endausbaustufe des kreativen Entwicklers gelten, sind weit von Kunst entfernt. Oder glaubt hier irgendjemand, dass es sich kunstvoll anfühlt den Bundesliga Manager 2015 zu programmieren nachdem man schon am Bundesligamanager 2014 und dem BLM 2012 mitgearbeitet hat?

Insgesamt glaube ich, wir übersehen einen wichtigen Aspekt wenn wir Code als Kunstform und uns selbst als Künstler ansehen: Code ist für sich genommen wertlos. Code allein sieht noch nicht mal gut aus. Erst wenn Code auf eine ausführende Plattform und einen Benutzer trifft fängt die Sache an spannend zu werden. Wenn unser Code dann noch einen Zweck besonders gut erfüllt, haben wir überhaupt etwas erreicht…

Kunstwerke sind da anders. Sie stehen für sich alleine. Das Werk, seine Aussage und die Motivation des Künstlers benötigen bis auf wenige Ausnahmen keine weitere Plattform um zu funktionieren.

4. Code als Ingenieurshandwerk: In meiner Laufbahn traf ich tausende Entwickler und habe so manches Projekt gesehen. Die Entwickler, die ich am beeindruckendsten fand, waren in der Regel alles andere als Künstlertypen. Für gewöhnlich hatten die eine sehr technische Sicht auf ihre Tätigkeit und eine Liebe zum Detail und Wissen, die bei anderen oft fehlten. Es gab einen ausgeprägten Stolz auf die Ergebnisse, eine Achtung vor guten Vorgehensweisen und eine Könnerschaft, wie sie nur durch viel Übung entstehen kann. Eines meiner liebsten Bücher über Programmierung ist immer noch Code Complete von Steve McConnell. Dieses Buch strahlt von der ersten bis zur letzten Seite den Stolz des Autors aus, sein Handwerk professionell und mit Blick fürs Detail auszuüben. Das ist eine professionelle Berufsethik wie man sie in allen Bereichen findet in der wenige Menschen spezielle Kenntnisse mit großem Wirkungsgrad erwerben. Mediziner, Juristen, Architekten, Ingenieure… allen gemeinsam ist dieser Stolz auf ihre Werke obwohl von den genannten wohl kaum einer als Künstler gesehen wird.

Letztlich schaffen wir mit unseren Programmen schließlich technische Konstruktionen, die zusammen mit einer technischen Infrastruktur Problemlösungen anbieten. Ohne Zweck existiert kein Code, ohne Kundenwunsch keine Lösung. Wie jedes Ingenieurshandwerk ist das der Hauptgrund unserer Entwicklungen und gleichzeitig der Teil auf den man als Programmierer ja auch richtig stolz ist: Je mehr Relevanz im echten Leben, desto besser war unsere Arbeit. Künstler schaffen Kunst aus anderen Motivationen. Hier geht es um sie selbst, ihre Aussagen und den Gegenstand ihrer Kunst. Ich behaupte, bei uns ist das nur sehr selten so.

„Aber, aber… Wir sind doch kreativ bei unserer Arbeit, ist das vorhin erwähnte kreative Schaffen nicht ein eindeutiges Zeichen dafür, dass Programmierung eben doch eine kreative, künstlerische Tätigkeit ist?“, höre ich Dich einwenden. Ja und nein. Ja, weil wir natürlich kreativ sind. Es ist aber ganz schön vermessen einem Schreiner oder einem Ingenieur anderer Disziplinen zu unterstellen, sie wären eben genau das nicht auch. Ich glaube Kreativität ist unbedingt notwendig um Künstler zu sein, aber nicht exklusiv diesem Feld zugeordnet. Jeder selbstständig arbeitende Spezialist muss kreativ sein um Lösungen für neu auftauchende Problemstellungen zu entwickeln.

5. Code als Design: Aber vielleicht gibt es ja Raum für eine Perspektive, die den handwerklichen Aspekt, die Craftsmanship, mit den kreativen, kunstvollen Elementen verbindet. Abhängig davon, welche Art Lösung wir uns nämlich ansehen, kann man Code noch als eine Art professionelle Kreativdienstleistung ansehen, ein Designprodukt. Wie das Ingenieurswesen hat Design immer einen Kunden oder ein Ziel, außerdem haben beide auch die Professionalisierung gemeinsam. Aber speziell bei Code, der vom Alltäglichen abweicht, haben wir manches mal nicht nur die technische Lösung sondern oft auch weitere Qualitätsaspekte zu berücksichtigen. Wie flexibel gilt es zu bleiben, müssen bestimmte Rahmenbedingungen wie etwa Lizenzformen berücksichtigt werden? Unter welchen Bedingungen kann/soll/muss die Lösung später laufen? Solche Lösungen werden häufig individualisiert für hochkomplexe Umgebungen entworfen und sind dabei eben auch mehr als das reine Anwenden technischer Werkzeuge.

So, nach diesem kleinen Ausflug wende ich mich jetzt mal meinem Python Script von letzter Woche zu. Ich verstehe nicht mehr, was ich da designed habe und es produziert derart viele Fehler, dass ich nicht von Handwerk sprechen will. Wenn es später dann läuft, ist es ein Wunder und ich habe dann sicherlich ein Kunstwerk geschaffen, das außer mir keinen interessiert… So ist das halt mit uns unverstandenen Code-Poeten 🙂

 

Die schlimmste Klasse

Meine Kindheit war durchzogen von Umzügen. Aus allen möglichen Gründen schien es meine Mutter selten lange am selben Ort auszuhalten. Mit diesen Umzügen ging dann auch jedes mal ein Schulwechsel einher und ich bekam die Gelegenheit so manchen Klassenverbund und viele Lehrer zu erleben.

Zwischen der 8. Klasse und meinem Schulabschluss allein war ich in 3 verschiedenen Schulen, die sich zum Teil deutlich unterschieden. Aber ein Punkt war immer der gleiche: Der Ruf der Klasse in der ich jeweils war. Wir glaubten nämlich jedes mal von uns die jeweils „schlimmste“ Klasse der Schule zu sein. So war uns irgendwann immer von entnervten Lehrern gesagt worden und wir trugen diese Aussage mit Stolz.

Ich hatte das irgendwann vergessen und die Erinnerung daran tauchte erst wieder auf als meine eigenen Kinder in der Schule waren und der erste der drei eines Tages daheim mit kaum verhohlenem Stolz – ganz als wäre das eine schwer erarbeitete Auszeichnung – anmerkte, seine Klasse sei die Schlimmste Klasse der Schule.

Heute früh schließlich, ziemlich genau 2 Jahre nach dem Großen, meinte der mittlere der drei, seine Lehrer sähen seine Klasse als „die Schlimmste“.

Huh? Zufall?

Hm…

Ich glaube nicht. Meine Theorie: Jeder Lehrer hat eine andere Klasse, die „die schlimmste“ Klasse ist und kommt dann zu unterschiedlichen Zeiten auf die Schnappsidee, das für die Schüler hörbar zum Besten zu geben. Ergebnis: Jede Klasse mit pubertierenden Radaubrüdern (und -schwestern) hält sich für die Speerspitze des Schüleraufstands und verhält sich im Ergebnis dann auch ein Stück so. Ist der Ruf erst ruiniert…

🙂

Ich habe versucht, den Effekt meinen Jungs zu erklären. Unterm Strich wünschte ich mir aber, die Lehrer würden andere Eigenschaften ihrer Klassen betonen als den Umstand, dass sie gerade aufdrehen wenn sie mit ihnen zu tun haben. Letztlich basteln die sich ihre umtriebigen Klassen nämlich selber bzw. verstärken den Effekt durch die Attribute, die sie verteilen.

So.

 

Amerikanische Podcasts

Ich bin süchtig. Wie man schon an anderer Stelle hier lesen konnte, bin ich schwer podcast-abhängig und liebe das Medium 🙂

Besonders interessant finde ich dabei, dass die Szene hierzulande deutlich anders aufgebaut zu sein scheint als die US amerikanischen Beispiele. Besonders die Betonung von „Labercasts“ hier und „narrative storytelling“ dort scheint mir auffällig. Vielleicht ist es aber auch so, dass ich einfach nur ein verzerrtes Bild durch den Filter der populären Formate habe… So oder so ist es diese letzte Art, das „narrative storytelling“, die mich am meisten fasziniert.

In den letzten Wochen habe ich mich dazu ein wenig umgesehen und ein paar Bücher zum Thema gewälzt. Der prototypische Podcast aus der genannten Kategorie ist natürlich „This American Life„, eine Radiosendung von NPR, die als Podcast produziert und beworben wird. Darin werden Musik, Ambients, Interviews und Erzählstimme kunstvoll verwoben, das es eine reine Freude ist.

Ich habe TAL übrigens indirekt gefunden, denn der erste Podcast den ich ernsthaft wahrgenommen habe, war kein Deutscher und auch nicht TAL, sondern von Scott HanselmanThis Developer’s Life„. Scott schreibt denn auch in der Beschreibung dieses Casts, dass es vom Stil her ein gnadenloser ripp-off von TAL sei und als Homage zu verstehen. Das machte mich neugierig auf das Format und ich war hooked.

Inzwischen habe ich ca. 2o US podcasts verschiedenster Netzwerke in meinem Catcher und ich habe sie zum Teil durch Websuchen, facebook Gruppen und Empfehlungen aus meinem Netzwerk gefunden. Interessanterweise sind die wirklich bekannten Podcasts alle der Grundidee von TAL ähnlich oder doch zumindest stark inspiriert. Wenn man die erfolgreichsten dann genauer ansieht und sich besonders die professionell organisierten herausgreift ist auch häufig ein direkter Bezug zu TAL gegeben. So haben viele Netzwerke Mitglieder, die irgendwann für TAL geschrieben haben oder mit Ira Glass arbeiten durften.

Diese Beobachtung ließ mich aufhorchen. Die Geschichte von Podcasts in den USA ist weit mehr von public Radio geprägt als bei uns. Von Anfang an war da ein klarer Bedarf an gescripteten Stories zu erkennen, viele Formate sind zeitlich begrenzt und Musik ist üblicher als bei uns. In Deutschland hingegen scheint mir die Genese anders gelaufen zu sein. Die ersten erfolgreichen Podcasts waren Titel wie „Schlaflos in München“ oder Chaos Radio Express. Das eine war ein solo Gesprächspodcast und das andere ein gelegentlich mehrstündiges Interviewformat.

Was finden wir also unter den bekanntesten Sendungen? Solocasts und Interviewformate.

Hm…

Lieber Onkel Bert

wenn Du das hier liest wird Dir als erstes auffallen, dass Bert gar nicht Dein richtiger Name ist und Du vermutlich auch eigentlich nicht mein Onkel bist. Trotzdem wirst Du Dich angesprochen fühlen, denn Du weisst genau wer gemeint ist…

Du bist der Verwandte, den ich gelegentlich auf Familienfesten treffe oder der Bekannte einer Freundin, der mir auf einer Geburtstagsparty begegnet. Eigentlich bist Du auch ganz nett bis zu dem Moment wo Du – gerne etwas angeschickert – anfängst über die Zustände in unserem Land zu sprechen.

„Man wird doch wohl noch mal sagen dürfen…“ ist dann Dein Motto und was Du nicht alles meinst sagen zu müssen. Natürlich hättest Du nichts gegen Ausländer, aber es wäre schon bedenklich, dass… Und Schwule – gegen Die Du auch nichts hättest – sollten… usw. usf.

Früher habe ich mich jedes mal auf eine Diskussion mit Dir eingelassen, mich daran versucht, Fakten gegen Deine Behauptungen anzubringen. Dich zu überzeugen war nie wirklich möglich, Du hattest Deine Meinung schließlich fest auf „man braucht sich ja nur mal umsehen“ aufgebaut. Mir reichte es dann auch irgendwann, Dich vom Thema abzubringen oder doch wenigstens meinem eigenen Ärger Luft gemacht zu haben. Irgendwann hatten wir eine Art Waffenstillstand. Du umgingst das Thema in meiner Gegenwart oder ich saß einfach außer Hörweite sobald Du in der typischen Stimmung warst.

Dann erfand ein Holzkopf facebook und bei 864 Millionen Nutzern darfst Du natürlich auch nicht fehlen. Und siehe da: es gibt noch viele andere Berts! Die verbreiten Halbwahrheiten und unsinnige Statements, meist auf ein Bild gepinselt, die Dir geradezu aus der Seele gesprochen sind! „Man wird schließlich wohl noch mal sagen dürfen…“ ist plötzlich mit einem Klick möglich und aus der Grillparty wo Du 5 Zuhörer hast, die Dich kennen und einzuordnen wissen, werden plötzlich ein paar Dutzend.

Es ist dann leider nicht mehr damit getan, Dir aus dem Weg zu gehen und mit den Schultern zu zucken wenn Du Dein Umfeld mit Deinem Gerede nervst. Jetzt bedeutet nichts zu sagen eine Art schweigende Zustimmung. Im Übrigen kennen Dich die Facebookler ja auch gar nicht so gut wie wir. Die könnten ja glatt dem Irrglauben aufsitzen, Du hättest Dir echte Gedanken zu Deinem Standpunkt gemacht…

Deswegen will ich Dir mal etwas ganz ehrlich sagen, Bert: Wenn Du einzelne dumme und diskriminierende Ansichten hast, sie aber überwiegend für Dich behältst, dann ist das fast schon Deine private Angelegenheit. Wenn Du aber ein weltweites Forum nutzt um andere davon zu überzeugen, bestimmte Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Geschlecht, Religion, Hautfarbe, Sprache oder wirtschaftlicher Situation zu verachten, dann ist das genauso wenig privat wie das Forum, dass Du gewählt hast. Dann rechne bitte auch damit, dass ich in eben diesem Forum auch in deutlichen Worten beim Namen nenne was und wen ich beobachte. Genauso wenig wie Du Dir Gedanken darüber machst, welche Menschen von Deinen Äußerungen verletzt werden, werde ich mir dann Sorgen um Deine Befindlichkeiten machen.

Dein Dirk

Die Podcast-Nische

„Podcasts sind Radio 2.0, aber in Deutschland gibt es vielleicht 50-70000 Hörer“

Dieses Zitat ist vor Kurzem gefallen als ich mich mit dem Macher von Der Explikator, derzeit meinem unangefochtenen Lieblings-Podcast, über unser gemeinsames Medium unterhalten habe. Und in der Tat hört sich das in etwa richtig an.

In den USA hingegen erreichen Podcasts ein Millionen-Publikum. In meinem Podcatcher sind derzeit etwa die Hälfte meiner Casts aus dem englischsprachigen Raum, die andere Hälfte entstammen dem eigenen Kulturraum und inhaltlich sind da massive Unterschiede:

  • Der Großteil der deutschen Podcasts in meinem Catcher scheinen mir von Privatleuten produziert
  • Die kommerziell produzierten deutschen Podcasts sind wiederrum als Radiosendungen konzeptioniert und nur „zweitverwertet“.
  • Die US Casts sind in der Regel mit dem Aufwand solider Radioproduktionen erstellt, anders als bei den Deutschen Radiopodcast jedoch gezielt für die Verwendung als Podcast erstellt. Ja, es gibt sogar ganze Produktionsfirmen, die sich primär mit dem Erstellen von Podcasts beschäftigen. Startup beispielsweise ist ein Podcast, der Alex Blumberg dabei begleitet wie er eine solche Firma gründet und erzählt unter anderem seinen Weg hin zu einer 1,5 Millionen Finanzierung! Hierzulande ist man froh wenn die Community Tim Pritlove seine Bahncard finanziert
  • Ich kenne kaum Deutsche Podcasts, die Reportageformate mit ausgearbeiteten Erzählscripts anbieten, jedoch gleich mehrere US Casts dieser Machart. Beispiele: This American Live, Reply All, 99% Invisible, TED Radio Hour
  • Umgekehrt ist mir bisher noch kein Englischer „Laberpodcast“ nach der Machart des Psychotalks, der Freakshow oder gar der drei Vorgonen untergekommen. (Übrigens befinden sich zwei der drei genannten in meinem eigenen Catcher, aber mehr des Themas als des Formates wegen).

Dabei haben wir in Deutschland eigentlich tolle Voraussetzungen: Diverse Schlüsseltechnologien, eine aktive Szene, treue Hörer…

Bleibt die Frage warum wir immer noch „nur“ ein paar zehntausend Hörer haben. Ich habe ein paar Thesen:

  • Das Medium ist zu technisch und kompliziert. JEDER dem ich bisher das Medium nahegebracht habe benötigte zunächst eine grundsätzliche Einführung. Was ist ein Podcast, wie abonniere ich ihn, wie finde ich ihn, etc. Discovery & Handling ist ein Riesenproblem. Die US Casts machen das geschickter indem sie entweder auf proprietäre Kanäle setzen oder aber von den Radiosendern via ITunes gepushed werden. So wird gezielt das Publikum „geschult“ und nach und nach podcast-kompetent…
  • Die Inhalte: Es gibt ein gewisses Risiko bei einem ersten Test des Mediums ausgerechnet einen der vielen Technik-Laber-Podcasts zu geraten bei denen 2-5 Leute mit Billigheadsets vom Aldi zwei Stunden lang über das neueste Apple-Device reden. Das wirkt abschreckend. Ich glaube sehr daran, dass uns ein ganzes Genre fehlt oder doch zumindest stark unterrepräsentiert ist: Der Sach-Podcast mit echtem Storytelling und professioneller Audioproduction. Wer Interviews plant und Audioformate aktiv gestaltet hat am Ende einfach die schöneren Ergebnisse.
  • Medienbotschafter: In Deutschland ist der Podcast eine in sich abgeschlossene Nische. Ein weiteres Zitat war übrigens: „Nirgendwo gibt es Podcastertreffen wie in Deutschland. Aber wenn Du da hingehst stellst Du fest, dass das auch gleichzeitig die Hörerschaft ist. Wir hören unsere Casts gegenseitig und produzieren dafür auch.“
    Ich glaube, das legt den Finger ziemlich auf die Wunde und erklärt gleichzeitig die treue Fangemeinde in Deutschland und auch viele der inhaltlichen Beobachtungen. Wir sind eine eingeschworene Szene und wir pflegen unsere Macken. Dadurch wird das Ergebnis aber nicht massentauglich und schon gar nicht bekannter. Was aber helfen könnte wären Leute mit hohem Bekanntheitsgrad, die das Medium popularisieren. Nehmen wir einen bekannten Moderator, der ein solches Format startet oder einen Autor. Ich bin mir sicher eine derartige Figur könnte Großes für die Szene bewirken. Allein man müsste ihm einen Grund liefern… ohje… ich wittere ein Henne-Ei-Problem.

hm…

Habe ich nun ein Fazit? Leider nicht. Ich weiß, ich wünschte mir mehr Inhalte in Deutschland nach der Machart vieler US Casts. Allerdings habe ich selbst weder die fachlichen noch die technischen Möglichkeiten und im Übrigen auch nicht die finanziellen Mittel dazu. Damit bin ich vermutlich in guter Gesellschaft aller anderen Podcaster meiner Lieblings-Medien-Nische.

Ich weiß, ich hätte gerne große spannende Produktionen, aber vermutlich würden die auch nach und nach die kleineren, charmanten Projekte verdrängen. Und last but not least wünschte ich Labercasts hätten im Gesamtangebot einen deutlich geringeren Anteil, denn meiner Vermutung nach hören nur Fans freiwillig mehrere Stunden lang Kneipengesprächen zu und in Summe haben solche Casts für den radio-gewöhnten Ersthörer eine abschreckende Wirkung. Ich selbst bin aber nicht viel besser, denn im Grunde ist auch mein eigener Cast Das Ferngespräch nichts anderes als ein mittelgut aufgemachter Labercast…

Smartphones sind schlecht für Dich

…, denn sie sorgen dafür, dass Dich eMails aus der Arbeit auch in Deiner Freizeit erreichen!

So oder so ähnlich sieht eine Behauptung aus, die immer wieder zitiert wird. Zuletzt habe ich das heute im DRadio Wissen Hörsaal serviert bekommen.

Dieser Effekt – die ständige Erreichbarkeit – sei nämlich ein großer Treiber für den Zustand, der landläufig als Burnout bekannt ist. Der moderne Mensch könne gar nicht mehr abschalten und manche Unternehmen reagieren schon darauf indem sie beispielsweise nach 8h keine Mails mehr verschicken.

Das klingt auch irgendwie ganz gut, denn hat nicht jeder von uns schon einmal das Gefühl gehabt abends weiterarbeiten zu müssen? War es nicht das Smartphone, das uns die ganze Zeit an unsere unerledigten Aufgaben erinnerte und die Anfrage des – auch nachts um 1 noch arbeitenden! – Managers auch in den wohlverdienten Urlaub noch nachlieferte und damit für Schuldgefühle und Leistungsdruck sorgte?

Für mich stellt sich da allerdings dann eine Frage: War das eigentlich früher anders? Konnte ein Handwerker im Mittelalter Fünfe gerade sein lassen wenn ihm danach war? Konnte ein Bauer einfach beschließen im Bett zu bleiben statt morgens sein Tiere zu füttern? Wie war das während der Industrialisierung, wie in der Nachkriegszeit?

Wer sich heute davon gestresst fühlt dank universeller Erreichbarkeit auch vom Strand aus arbeiten zu können, der vergisst einen wichtigen Punkt: Früher gab es diese Option gar nicht. Nicht nur wäre es unmöglich gewesen, Arbeit an einen anderen Ort mitzunehmen, nein – es war auch weder genug Geld noch genug Freiheit vorhanden um auch nur den Versuch zu unternehmen.

Meine Frau und ich arbeiten beide Vollzeit und schaffen es trotzdem unsere Kinder zu versorgen. Das ist nur möglich weil wir beide hinreichend moderne und flexible Arbeitgeber haben. Arbeiten am Abend oder am Wochenende werden da leicht durch Freiheit und Flexibilität aufgewogen, ja es ist sogar diese Möglichkeit, die uns überhaupt erst einen wirklich ausgeglichenen Lebensstil eröffnet.

Für uns ist das Leben dadurch entspannter, nicht stressiger. Die Aufgabenstellung ist eben nicht wie so oft behauptet, seine Work-Life-Balance zu finden, sondern es geht um Work-Life-Integration. Denn diese Trennung von Arbeit und Freizeit ist eine „neumodische“ Erfindung der Industrialisierung und kein Naturgesetz. Genausowenig ist es automatisch mit Streß verbunden, sich aktiv gegen oder für die Bearbeitung bestimmter Aufgaben zu entscheiden.

Wer aus solchen Überlegungen heraus gegen Mails und Smartphones wettert, der vergißt wodurch Streß wirklich entsteht: Durch Überforderung. Mails aber überfordern nicht sondern schlecht gestellte Aufgaben und problematische Kommunikationsstrukturen. Oder anders: Wer einen schlechten Chef oder ein Team mit negativer Stimmung hat, dem helfen auch die besten Mail-Praktiken nichts…

Source: New feed

Von A, B und C-Leuten

Wenn es eine Ikone unserer hypesüchtigen Branche gibt, dann wohl ihn. Er hat Technikgeschichte geschrieben, trieb seine Mitarbeiter mit Micromanagement und Detailversessenheit schier in den Wahnsinn, fiel tief, stieg wieder auf…

Die Rede ist natürlich von Steve Jobs.

Tatsächlich geht sein Einfluß dabei weit über das Maß hinaus, das andere Gestalten der IT Branche für sich beanspruchen können. Ihm wurde überragende Führungskompetenz nachgesagt, Charisma, Innovationsstärke…
Als Figur ist er geradezu sakrosankt. Jenseits des überlieferten diktatorisch-herrischen Führungsstils werden seine Zitate oft wie antike Weisheiten gehandelt.

Kürzlich begegnete ich einer ebensolchen. Steve hatte einmal in einem Interview darüber gesprochen wie wichtig der Einfluss der richtigen Leute auf ein Produkt sei. Speziell ließ er sich darüber aus wie wichtig es wäre, eben nicht zweit- oder gar drittklassige Mitarbeiter einzustellen sondern im Gegenteil immer nach erstklassigen Leuten Ausschau zu halten. Er nannte es A-People und – wie sollte es auch anders sein – selbstverständlich hatte Steve es geschafft, nur eben solche einzustellen. Diese Menschen wären dann auch völlig begeistert und leidenschaftlich, denn sie hätten ja „noch nie erlebt, ausschließlich mit A-People zusammenzuarbeiten“.

Der dazugehörige Tweet war bereits dutzendemale weiterverteilt und das Video war x-mal geliked.
Ich nehme an, dass alle Re-tweeter von sich selbst als A-People oder zumindest als einigermaßen gute B-People dachten. Steve Jobs Behauptung lässt sich jedenfalls in einer häufig zitierten Aussage zusammenfassen:

A people hire A people, B people hire C people

Was für ein Bullshit.
Übrigens nicht der einzige Blödsinn aus Steve’s buntem Zitatenschatz, aber dazu vielleicht ein anderes mal mehr.

Nehmen wir den Satz einmal genauer in den Blick.

A people hire A people.

Wer kann denn überhaupt definieren, was ein Mitglied dieser ominösen Gruppe ausmacht? Im Netz finden sich natürlich tausende Definitionsversuche. Besonders hartnäckig seien sie, Auge für Details sei wichtig, Kompetenz und der Wille zu lernen, Soziale Fähigkeiten usw. usf. Unterm Strich erkennen wir diese A People allerdings immer erst in Rückschau. Es ist die Tatsache, dass sie erfolgreich waren, die uns in ihnen ein besonderes Talent für die richtigen Entscheidungen sehen lässt. Könnten wir sie vorhersagen, wäre so manche Unternehmenspleite vermeidbar. Es versuchen nämlich alle die richtigen Leute und eben diese geheimnisvollen A-People einzustellen. Anscheinend klappt das wohl nicht immer…

Mein Problem damit: Menschen in eine Schublade zu stecken und ihre Leistungsfähigkeit auf einen längeren Zeitraum als die Tagesverfassung festschreiben zu wollen zeugt von einer bemerkenswerten Kurzsichtigkeit. Ich kenne niemande, dessen Leistung nicht von dutzenden Faktoren abhängig ist. Faktoren, die sich zum Teil innerhalb von Stunden ändern können und häufig auch nicht in der Hand des Einzelnen sind. Ob sich unter gegebenen Umständen jemand als Leistungsträger herausstellt, ist also eigentlich gar nicht vorhersehbar.

Trotzdem ist der zitierte Satz ein Lieblingszitat vieler Manager. Zugrunde liegt ihm ein sehr menschlicher Denkfehler, dem wir alle immer wieder aufsitzen.
Unser Gehirn ist darauf gepolt, Kausalketten aufzubauen. Wir schreiben Geschichten, die in sich schlüssig sind. Wenn nun ein Unternehmer erfolgreich ist, gehen wir davon aus, dass es Entscheidungen waren, die dorthin geführt haben und nicht etwa glückliche Umstände. War sein Erfolg von vielen Menschen abhängig, dann war offensichtlich schon diese Personalentscheidung elementar wichtig und kompetent. Der Unternehmer war eindeutig ein Alpha-Tier, seine Mitarbeiter haben ihn erfolgreich gemacht, ergo: Auch alles Alpha-Tiere. Nachdem der Satz ja „A people hire A people, B people hire C people“ heißt, geht die Kette sehr befriedigend weiter. Jeder erfolgreiche Manager vermutet ein brillianter Menschenflüsterer zu sein. Er ist ein A und stellte natürlich lauter A’s ein. Klar.

Ich habe Manager erlebt, die in jedes Interview mit nahezu null Vorbereitung gingen und dann innerhalb von 20 Minuten Personalentscheidungen trafen. Wenn danach ihr Bereich weiterhin Erfolge verbuchte lag das – selbstverständlich – an ihrer Menschenkenntnis, ihren Führungsqualitäten und eben ihrer Zugehörigkeit zur Gruppe der A-People. Wer könnte dem auch wiedersprechen? Anscheinend hat der Manager ja irgendetwas richtig gemacht, oder?

Diesen Effekt würde Kahnemann, ein brillianter Psychologe und Nobelpreisträger, „Hindsight bias“ und „what you see is all there is“ nennen. Wir machen Sinn aus den aktuellen Beobachtungen und im Rückblick lassen wir alles weg das das Gesamtbild stören könnte. Außerdem können wir nur Dinge berücksichtigen, die wir wahrnehmen. Es ist unglaublich schwer und oft sogar unmöglich Faktoren zu berücksichtigen, die nicht eingetreten sind, aber das Bild komplett verändert hätten.

Hätten wir beispielsweise Steve selbst als A People identifiziert als er gerade frisch von seiner Firma auf die Straße gesetzt worden war? Wohl kaum. Er hatte zu dieser Zeit gerade eine massive Niederlage eingesteckt. Erfolg ist anders.
Heute jedoch, mit Wissen um sein Come Back: Wooohoooo! Was für ein Finale! Wie viele Menschen in ähnlicher Situation nicht wieder auf den Sattel gefunden hätten reicht uns dann schon als Beweis für die Brillianz dieses einen, wenngleich vieles sicher auch einfach nur Glück, Umstände und den richtigen Freunden geschuldet war.

Nun befinden wir uns in einer leistungsgetriebenen und individualisierten Gesellschaft. Wir beten Menschen die „ihr Ding“ durchziehen geradezu an und lesen Erfolg an Geld, Einfluß und Sichtbarkeit einzelner Gallionsfiguren ab. Mich stört dabei nur das Schubladendenken, dem wir uns dadurch unterwerfen. Nennt mich idealistisch, aber ich glaube wir sind alle A,B und C People, je nachdem in welchen Umständen wir uns wiederfinden und welche Menschen wir um uns haben. Ich kann nicht einen meiner Erfolge nur allein auf mich beziehen, das waren immer Erfolge, die von anderen ermöglicht wurden.
Umgekehrt ist jede noch so brilliante und visionäre Führungsfigur ein Produkt ihrer Umgebung.

Das geht übrigens in zwei Richtungen.
So habe ich auch schon Teams mit unglaublich unkompetenten Managern gesehen, die trotzdem erfolgreich waren, da ihr Team für sie die Kohlen aus dem Feuer holte. Wird das gesehen? Nur wenn man genau hinsieht. Alle flüchtigen oder distanzierteren Beobachter werden Führungskompetenzen vermuten.

Sätze wie der „A people hire…“ springen daher viel zu kurz, ja machen mich geradezu ärgerlich. So einfach sind wir Menschen nicht, in Gruppen noch viel weniger. Ich bevorzuge deswegen eine grundsätzlich andere Philosophie. Wenn ich nämlich akzeptiere, dass Erfolg ein Produkt meiner Umgebung ist, dann gibt es nur eine richtig gute Strategie damit umzugehen: Ich sollte meiner Umgebung dabei helfen erfolgreich zu sein und mich davor hüten den Stab über Leute zu brechen, die es gerade nicht sind.

Statt also selbst zu versuchen, in den erlauchten Kreis der A-People zu kommen, helfe ich lieber anderen dabei erfolgreich zu sein. Im Ergebnis strahlt das manchmal vielleicht sogar auch auf mich selbst ab, in jedem Fall aber erzeugt es eine Arbeitsumgebung in der ich mich wohler fühle als in dem Laden, den es angeblich seinerzeit bei Steve gegeben haben soll…

Es lebe der Mythos

Neulich war wieder einmal eine Social-Media-Mitmachwelle im Netz unterwegs. Konkret ging es darum, eine Liste von Büchern deren Lektüre geprägt hatte aufzustellen. (ich schrieb an anderer Stelle darüber)

Die Freundin, die mich nominierte, nannte denn auch als ihren absoluten Favorit „Die Rede des Häuptlin Seattle“ und erntete einiges an Beifall.
Natürlich ist so ein Buch in einer Leseliste viel mehr als ein reiner persönlicher Favorit. Es ist eine demonstrierte Lebenseinstellung, ein Aufruf, ein Statement über die eigenen Ansichten. Außerdem – und das ist besonders bemerkenswert – ist es ein Stück Popkultur.

Huh? Popkultur?
Exakt.

Denn den wenigsten der dieses Buch zitierenden Menschen ist bekannt, dass es sich bei der üblicherweise gemeinten Version eben nicht um die Aufzeichnung der originalen Rede (die es tatsächlich gegeben hat) handelt sondern um einen anläßlich eines Films in den 70ern neu geschriebenen Text.

Natürlich tut das der Aussage keinen Abbruch und der Text ist sicherlich nicht weniger wertvoll. Dennoch lässt sich aber auch unterstellen, dass gerade die vermutete Weisheit eines alten Indianerhäuptlings und die Romantisierung seines kulturellen Hintergrunds wichtig sind. Sonst könnte man schließlich auch das Parteiprogramm der Grünen oder eine Politikerrede des Klimaschutzgipfels heranziehen. Das wäre aber irgendwie nicht ganz so stilecht und identitätsstiftend, oder?

Bei der Beschäftigung mit diesen Gedanken fiel mir denn auch ein Buch ein.
Passend, nicht wahr?

Philip K. Dick erschuf eine Reihe großartiger Science Fiction Romane, einer davon trägt den Titel „Do Androids Dream of Electric Sheep?“ und war tatsächlich Inspiration für den berühmten SF Film „Blade Runner“. Wie im Film (der ansonsten recht wenig mit dem Roman zu tun hat) geht es in dem Buch um Replikanten, dem Menschen täuschend ähnliche Androiden. Eine Gruppe aufständischer Replikanten versucht nun die Menschen aufzurütteln und ihnen klar zu machen, dass viele ihrer Annahmen auf unwahren Mythen beruhen. So basiert die in dieser Zukunft vorherrschende Religion auf einer in einem Studio erschaffenen Fiktion. Als nun die Androiden genau diesen Umstand beweisen, erwarten Sie Umwälzungen und sind vollkommen perplex als die Menschen der Enthüllung vollkommen gleichgültig gegenüber stehen.

Sobald also ein Mythos einmal ausreichend etabliert ist, funktioniert er unabhängig ob die zur Stiftung eingesetzten „Fakten“ tatsächlich der Realität entsprechen. Anhänger erwidern dann, dass der Sinn schließlich auch noch bestehe wenn Zweifel an der Faktenlage bestünden. Es wird eine weitere Bedeutungsebene geschaffen, die dann unabhängig weiterlebt.

So dürfte es eigentlich vollkommen egal sein, was Seattle nun wirklich gesagt hatte. Im kollektiven Gedächtnis der Menschheit bleiben seine Worte als Weisheit und sinnstiftende Ermahnung und leben als Meme weiter, dass ganz ohne seinen Stifter auskommt.

Wer weiß, würden wir den Herrn der Ringe vergraben, vergessen und erst in 100 Jahren wieder entdecken, könnte dieses Buch sicherlich locker als Bibelersatz herhalten…