Netzwerkfreuden

Fast 4 Wochen habe ich rumgetan! Woran? Let me explain…

Ich bin Unitymedia-Kunde, als wir in unser momentanes Heim gezogen waren, hatte ich mir das Paket mit 400MBit Downstream und 20MBit upload gebucht und war auch anfangs wirklich glücklich. Alles lief stabil und schnell…

Und dann brach der Netzwerkirrsinn über mich herein.

Keine Ahnung was eigentlich der Auslöser war, aber plötzlich hatte ich Effekte wie ich sie eigentlich nur von fehlkonfigurierten DNS Servern oder kaputten Routingtabellen kenne. Webseiten ließen sich nicht mehr aufrufen (aber nicht alle), manchmal waren die Ladezeiten unangemessen lang, Verbindungen brachen ab und die Intervalle in denen wir den Router vom Netz nahmen in der Hoffnung ein Neustart behebe das Problem wurde immer kürzer, dafür die Frequenz meiner Anrufe bei Unitymedia immer höher.

Wie es sich gehört, suchte ich zunächst den Fehler bei mir.

  • Der PiHole DNS Server, den ich zum Werbeblocken in meinem Netz hatte, flog als erstes – ohne Änderung.
  • Dann ersetzte ich die etwas komplexe Sammlung an Routern und Access Points im Haus durch einen einzelnen dummen Access Point und zog Kabel wohin das WLan nicht mehr kam – ohne Änderung.
  • Dann mussten die Kabel dran glauben – alle wurden getauscht, denn die schrägsten Effekte kann man durch fast, aber nicht ganz, kaputte Kabel haben… – naja, du ahnst es… keine Änderung.
  • Dann vermutete ich den Fehler im Hauptrouter und Kabelmodem. Unitymedia nutzt ein Gerät mit dem Namen „Connectbox„, das für Leute auf Netzwerkfehlersuche eine echte Zumutung ist. Da kann man praktisch nichts einstellen und erst recht keine Logfiles sehen… Ich rief also an und bat darum eine Fritzbox zu bekommen. Die ist jetzt vielleicht nicht großartig, aber doch deutlich mächtiger als die Connectbox. Außerdem würde ich ja ggf ein kaputtes Gerät durch ein intaktes ersetzen (so meine Überlegung) – spätestens jetzt müsste doch das Problem gelöst sein, oder? – ähm. Nö.

Letzter Strohalm war dann der Anschluss selbst. Unitymedia nutzt etwas, das sich DS-Lite nennt. Im Grunde ist das ein Hybridanschluss zwischen ipv6 und ipv4 wobei speziell der ipv4 Teil getunnelt wird und man sich die Adresse mit ca. 50 anderen Unitymedia Kunden teilt. Deswegen funktionieren Dienste wie DynDNS und der Fernzugriff auf Geräte im eigenen Netzwerk (z.B. NAS, VPN etc.) nicht mehr. Damit hatte ich bisher einfach meinen Frieden gemacht, aber gewurmt hatte es mich schon.

Ich rief also an und bat darum meinen Anschluss umzuwandeln. Unitymedia kann nämlich aus einem DS-Lite Anschluss einen vollwertigen Dual Stack Anschluss machen. Dann bekommt man eine eigene statische ipv4 Adresse + die auch bisher schon zugeteilte ipv6. Es wird nichts mehr getunnelt oder geteilt und als nützlicher Nebeneffekt funktionieren jetzt eben auch Remote-Spielereien wieder. Yey!

Und was soll ich sagen? Das war es! Seit 5 Tagen steht das Netz bombenfest, ich habe hier volle Bandbreite, mein PiHole werkelt wieder ohne Probleme und ich habe inzwischen sogar meine NAS und ein VPN am Start.

Dinge, die ich dabei gelernt habe:

  • die Unitymedia DNS Infrastruktur ist Grütze. Es gibt wenige DNS Server die so lahm sind, ganz unabhängig von den Problemen, die ich hatte. Leute, stellt auf 1.1.1.1 (Cloudflare), 8.8.8.8 (Google) oder was auch immer um, jeder DNS da draußen ist besser…
  • DS-Lite mag ja bei „normalen“ Anforderungen einigermaßen tun, aber wenn es erstmal schief geht, wird es haarig. Wir brauchen hier nicht nur Netz zum Netflixen sondern vor allem auch beruflich und ich würde mich nie wieder auf so ein Konstrukt einlassen.
  • Ein Anruf reicht um Dual Stack zu haben.
  • Eine Fritzbox kostet zwar 2,99/Monat Aufpreis, aber im Vergleich mit der Standard Connectbox ist sie es wert, wenngleich ich auch überrascht war wie lahm auch die 6490 ist…
  • Man kann den Connect/Disconnect zu einem eigenen OpenVPN Server auf Android via Tasker (Tasker ist überhaupt großartig!) und auf dem Mac mit Controlplane automatisieren (Controlplane kann Shell Scripts aufrufen und OpenVPN lässt sich per Apple Script fernsteuern – bam!).
  • Wireshark ist schon wirklich cool… zumindest wenn man wie ich sowas cool findet 😉

#Hassliebe

Zwei Wochen hat es gehalten.

Ja, ich hatte meinen Hauptaccount gelöscht. Besser gesagt, ich hatte das getan was Twitter als Vorstufe vorsieht – den Account deaktiviert (was 30 Tage Frist bis zur endgültigen Löschung gibt).

Vieles was ich beim letzten Post schrieb gilt auch – ich liebe Mastodon und habe dort mein zwangloses Kommunikationsmedium gefunden. Mastodon macht Spaß und ist weit interaktiver als Twitter es für mich über die Jahre geworden war.

Aaaaber. (Du wusstest, da würde ein „aber“ kommen, stimmts?)

Es stellte sich ein Effekt ein, den ich nicht erwartet habe. Als ich vor über einem Jahr komplett aus Facebook abwanderte vermisste ich genau gar nichts. Meine Freunde waren immer noch da, die meisten Kontakte hatten sich ohnehin noch über einen anderen Weg mit mir vernetzt und auch sonst gibt Facebook wirklich nichts was es nicht außerhalb auch zu finden gibt.

Bei Twitter ist das anders. Ein ganzer Bereich meiner täglichen Kommunikation brach weg. Ja, eine Menge liebgewonnene Kontakte sind auf Mastodon, aber viele sind dann doch weiter bei Twitter aktiv und bei Mastodon nur gelegentlich wenn überhaupt. Das ist eigentlich auch nicht schlimm, denn auf Mastodon habe ich jetzt ein neues Netzwerk, ein anderes und eine wachsende Menge liebgewordener Kontakte. Aber es wird dann doch zum Problem wenn mich Leute über meine Podcast-Kanäle anschreiben, die davor eher über den persönlichen Account dirkprimbs gekommen wären.

Irgendwann würde dann @anerzaehler zu einer Art Hauptaccount und dadurch nicht mehr das wofür die momentanen Follower gekommen sind. Außerdem habe ich ja schon einen Hauptaccount, ich würde also in meine eigene Tasche lügen.

Im Ergebnis habe ich also eine Liebesbeziehung mit Mastodon und eine Hassliebe mit Twitter, denn irgendwann bin ich zähneknirschend in die Einstellungen und habe meinen Account deaktiviert. #seufz

@dirkprimbs ist also wieder da. Allerdings mit einigen wichtigen Änderungen: Ich folge nur noch wenigen und werde Mastodon weiterhin als mein Social Media „Home“ ansehen. Ergo: dirkprimbs wird ruhiger sein als früher, auf jeden Fall reaktiver als in der Vergangenheit und ich werde – wenn überhaupt – selektiv über Listen lesen, definitiv also nicht mehr meine Timeline mit hunderten Leuten füllen.

Tweets werden weiterhin automatisiert gelöscht, das mache ich auch auf Mastodon so und finde es dient auch meiner eigenen Mentalhygiene ohne den Rattenschwanz von jahrealten Äußerungen durchs Netz zu ziehen. Wenn schon dokumentiert, dann wenigstens in Blogform 😉

Delete it or it didn’t happen!

Ich lösche zur Zeit Twitter accounts. Ja, Mehrzahl.
Nicht alle, aber doch die meisten und vor allem: Meinen Hauptaccount.

Aber warum?

Ganz einfach: Ich habe eine Alternative gefunden, die sich nach einigen Tagen Nutzung ziemlich genau so anfühlt wie Twitter am Anfang:

  • Respektvoller, freundlicher Umgangston
  • aufs Wesentliche reduzierte Funktionen
  • werbefrei

und am Wichtigsten:

chronologische Timeline!

Ich glaube, gerade dieser letzte Punkt macht den ganzen Unterschied. Die gewichtete Timeline, die Twitter vor einiger Zeit einführte trägt die Hauptschuld daran, dass Twitter mehr und mehr zu einer Art globaler Nachrichtenkommentarspalte und Ground Zero für Trolls und Extremisten wird.

Ich als Nutzer werde da nicht nur nicht gefragt sondern durch die Automatik und Twitters zunehmende Einhegung von Drittanbieterapps eben auch zunehmend entmachtet. Ich darf manches gar nicht mehr selbst entscheiden, z.B. bleibt mir gar keine Wahl als immer mal wieder der gerade metaphorisch trendenden Sau zu folgen, die durchs virtuelle Dorf getrieben wird.

All das nervt mich schon länger, aber es schien ja keine echte Alternative zu geben. Bis ich eben doch eine gefunden habe: Mastodon.

Der Name kommt vom wolligen Mammut, dem Maskotchen des Dienstes, und im Grunde kann man wirklich sagen der Dienst ist wie Twitter, nur eben besser. Man trötet (tootet) statt zu twittern, ein paar Details sind anders, manche besser, aber im Grunde sind sich die Dienste zum Verwechseln ähnlich.

Aber anders als Twitter ist Mastodon eine Open Source Plattform, die jeder betreiben darf und kann. Anders als Twitter meldet man sich nicht bei einer zentralen Plattform an und ist der damit ausgeliefert, sondern trägt sich bei einer der über tausend öffentlichen Instanzen ein.

Keine Sorge: Trotzdem können alle mit allen schreiben, aber durch diese Instanzen kann man eben auch eine Online „Familie“ finden, die besonders gut zur eigenen Philosophie passt. Das wird möglich dadurch, dass jede dieser Instanzen neben der globalen Timeline aus allen Instanzen auch eine lokale Timeline bietet in der eben nur die lokalen Mitglieder auftauchen. So ergibt sich gleichzeitig beides: Wie bei Twitter ein globaler Austausch über den man Kontakte finden und knüpfen kann, aber eben auch noch ein abgeschlossener lokaler Communitybereich in dem man Leute trifft, die zu dem “Motto” des Servers passen.

In meinem Fall bin ich bei meinen Homies – auf dem Mastodon Server des CCC und damit auch umgeben von vielen Podcastern der freien Podcastszene…

Insgesamt sind weltweit über 1.5 Millionen Nutzer auf Mastodon und die Zahl steigt gerade massiv. Fast alle meine engen Kontakte haben wie ich dieser Tage Accounts angelegt und so vermisse ich nahezu niemanden. Dafür habe ich schon jetzt eine Reihe neuer Kontakte, die ich früher nicht hatte.

Was jetzt?

Was also meine reinen Kommunikationsbedürfnisse angeht bin ich schon nach einigen Tagen sehr glücklich mit Mastodon. Im Grunde hat @dirkprimbs@chaos.social schon jetzt 100% ersetzt was ich früher mit @dirkprimbs auf Twitter gemacht habe.

Damit ist eines offensichtlich: ich brauche den Twitteraccount eigentlich gar nicht mehr. Zwar ist das ein verifizierter Account mit 10500 Followern und ich verliere damit natürlich auch potentielle Reichweite, aber Reichweite ist eben nicht meine Motivation und Reichweite kann man sich auch wieder neu aufbauen und verdienen.

@dirkprimbs ist nicht mein einziger Account. Jedes meiner Podcastprojekte hat seinen eigenen und über die mache ich mir jetzt auch Gedanken. Ich möchte einen Grund haben warum ich mich an Dienste binde. Es ist ein bißchen wie ein Wechsel der Wohnung – nur weil man die Nachbarn mag bleibt man eben doch nicht an einem Ort, es spielen dann doch noch andere Faktoren eine wichtige Rolle.

@derfernsprecher, @podperlen und @familynrd habe ich deswegen schon gelöscht. Die waren ohnehin entweder sehr klein oder inzwischen ruhend. Bleiben aber noch drei Accounts bei denen das anders ist: @anerzaehler, @2debatepodcast und @podcasttwogo, meine derzeig aktiven Projekte. Besonders der Anerzähler ist ein sehr liebevoll kuratierter Account in dem ich mit der tollen Hörercommunity meines Hauptpodcasts in Kontakt bleiben kann. So ganz löse ich mich also bis auf weiteres noch nicht.

Immerhin sind aber auch diese Accounts inzwischen auf Mastodon vertreten. Mittelfristig könnte es also sein, dass der Schwerpunkt sich genauso verlagert, das lasse ich auf mich zukommen.

Aber warum?

Ich nenne es Mentalhygiene und irgendwie ist es auch ein Statement.

Warum sollte ich mich mit etwas beschäftigen, dass mich eigentlich nur noch frustriert und den Mehrwert, den es mir einmal brachte, nach und nach verloren hat? Und wie soll Twitter merken, dass etwas falsch läuft wenn trotz allem Negativen keiner Konsequenzen zieht? 4 Accounts weniger auf der Plattform, einer davon ein validated Account mit einiger Reichweite, sind eben auch ein Signal und als Nutzer minimiert sich meine verbrachte Zeit auf der Platform von mehrmals pro Stunde zu “immer wenn jemand mit meinen Podcastaccounts interagiert”, manchmal ist das auch nur noch einmal pro Tag. Wenn das genug Leute machen, bemerkt man das sogar bei einer Plattform wie Twitter.

Bleibt zum Abschluss noch eines zu sagen:
Viele liebgewonnene Stimmen ziehen dieser Tage zu Mastodon was mich sehr freut, aber ein paar lasse ich eben auch zurück. In der Vergangenheit (z.B. als ich vor Jahren meinen Facebook Account schloss) stellte sich raus, dass man sich meist irgendwo anders wieder trifft. Trotzdem: Falls Du so eine Stimme bist und bisher nicht auf Mastodon bist, hoffe ich ja Dich einfach neugierig gemacht zu haben.

Wenn Du also Lust hast, schau doch mal vorbei! Meinen persönlichen Account auf Mastodon findest Du hier und sich zum Test einen eigenen Mastodon Account zu klicken ist auch super einfach: https://joinmastodon.org

Bis bald! 🙂

//D

Der Podcast vor dem Podcast

Das Allererste Mal ™ ist immer etwas ganz Besonderes, auch wenn wir von Podcasts sprechen. Mein erster Podcast war ein Projekt namens „Das Ferngespräch“ und ich begleitete darin Alexander auf einer Weltreise. Man kann das immer noch anhören, denn alle Folgen habe ich für die Ewigkeit bei Archive.org abgelegt. Sogar die Domäne zeigt da (noch) hin. http://das-ferngespraech.de

Aber wie das so ist – irgendwann ging die Reise zu Ende und seitdem dachte ich immer wieder mal darüber nach, doch einen weiteren Anlauf zu nehmen. Ähnliches Thema, aber mit all den Dinge, die ich bisher aus 640 Folgen Anerzählt, 37 Folgen 2debate und einigen anderen Projekten gelernt habe.

Und dann erreichte mich eine Nachricht von Leni und Philipp. Ich werde jetzt hier keine Vorstellung der beiden vorwegnehmen, nur so viel: Sie wollen auf eine lange Reise gehen und haben Lust auf einen Podcast! Das wird der Anlauf! Jubel!

Eine meiner Lieblingsphasen so eines Projektes hat damit direkt angefangen – Planung & Einrichtung 🙂 Die dauert allerdings meistens auch eine ganze Weile. Was also tun während mich das Podcastfieber im Griff hat, aber noch keine Seite, noch kein Feed und noch kein fertiges Konzept steht?

Spontane Idee: Ich mache einen Podcast über meinen Podcast!

  1. wollte ich sowieso schon länger mal einen Podcast über Podcasting machen (gibt’s zu wenig).
  2. ist es unwahrscheinlich motivierend für mich, sozusagen einen Vorab-Podcast aufzusetzen mit dem ich das hier begleite.
  3. helfe ich ja immer wieder mit Begeisterung als „Podcastpate“ und vielen wird sicherlich meine kleine Reihe interessante Antworten liefern.
  4. gibt mir so ein Meta-Podcast auch eine schöne Gelegenheit schon mal ein paar Ersthörer zu gewinnen, deren Feedback vielleicht auch schon vor Start hilft die fertige Sendung besser zu machen.
  5.  hatte ich enorm Lust drauf 🙂

Wie lange hat es gedauert, das alles gestern aufzusetzen? 40 Minuten einrichten + 15 Minuten erste Folge = ca. 55 Minuten. Hier die einzelnen Schritte (das hier ist jetzt sozusagen Meta-Meta-Podcast :-))

  1. [5 Minuten] ein Blog an meine „Visitenkartenwebseite“ mit dem temporären Namen „Reiseradio“ einrichten: http://dirkprimbs.de/reiseradio
  2. [5 Minuten] FTP Verzeichnis für die Episoden auf dirkprimbs.de konfigurieren
  3. [10 Minuten] Podlove auf dirkprimbs.de installieren und konfigurieren.
  4. [5 Minuten] Aus dem Intro von „Das Ferngespräch“ einen Soundbite ausschneiden.
  5. [10 Minuten] Auf auphonic.com ein Preset einrichten, das das Intro und Autro automatisch an übergebene Episoden hängt und dann das Ergebnis glattzieht um es in den FTP Ordner aus 2. zu kopieren.
  6. [5 Minuten] Bild auf pixabay.com suchen und ins Blog schieben.
  7. [15 Minuten] Erste Episode einsprechen, via Podlove hochladen, fertig.

Das ging flott von der Hand und ich bin zufrieden mit dem „quick & dirty“ Ergebnis 🙂 Was hältst Du von der Idee ein solches Projekttagebuch einzusprechen? Wie gefällt dir das Format und der Inhalt?

Zwangsoriginelles Audio

Ich höre mir gerade einen Podcast eines öffentlich-rechtlichen Radiosenders an. Inhaltlich cool gemacht aber das Sounddesign… #seufz

Ich muss es mal loswerden: Auch Audioeffekte sind ein Informationsträger. So sehr ich wohlgesetzte Soundeffekte liebe, sie müssen immer auch einen funktionalen Sinn haben um wetvoll zu sein. Wenn aber eine Stimme künstlich auf „aus der Blechbüchse abgespielt“ verzerrt wird, dient das nur dazu das Ergebnis bearbeitet klingen zu lassen. Inhaltlich ändert sich nichts. Dasselbe stimmt wenn man ohne Grund und ohne dramaturgische Motivation Musik „drunterklebt“.

Gute Sounddesigner fragen sich bei jeder Anpassung welchem Zweck sie dient. Soll etwas betont werden, wollen wir eine bestimmte Stimmung erzeugen, soll ein Beispielton den sprichwörtlichen Film im Kopf erzeugen? Zumindest sollten sie das. Aber in Zeiten in denen jeder irgendwie nach Radiotopia klingen möchte bleibt das gezielte Einarbeiten von Audio leider immer öfter auf der Strecke. Hauptsache das Ergebnis klingt irgendwie stylisch. (Wenn man Pech hat klingt es aber nicht mal das sondern amateurhaft und nervtötend…)

Ein bißchen ist das so wie frühe Webdesigner animierte Grafiken und Texte verwendet haben oder mancher Photografie-Noob seine Begeisterung für übersättigte Bilder entdeckt bevor ihm klar wird, dass ein Bild nicht besser wird nur weil der Himmel brüllblau und das Gras giftiggrün leuchtet…

Weniger ist mehr, Leute.

Die Podcastwelt der Briten

Ja auch die Briten hören Podcasts, allerdings haben die natürlich qua Sprachvorteil ungleich mehr Auswahl als unsereins. Vor kurzem wurde deren Podcastverhalten jedenfalls von einer Firma vermessen und dokumentiert, die sich im Vereinten Königkreich damit beschäftigt Reichweiten und Radio-Hörverhalten zu erfassen.

Zwar geht es in ihrer Studie von 2017 nicht ausschließlich um Podcasting, aber trotzdem finden sich da eine Menge Nuggets.

  • 6.1 Millionen Erwachsene hören jede WOche Podcasts (67% machen das am Smartphone, 62% der Hörer sind Männer)
  • 35% davon werden zwar heruntergeladen aber nie angehört.
  • In der Altersgruppe 25-34 hören 20% Podcasts, Menschen über 55 sind nur noch mit 6% vertreten. Da gibt es eine Menge Potential, ich bin mir sicher, dass gerade die eigentlich begeisterte Konsumenten werden wenn sie das Medium erst einmal entdeckt haben.

Außerdem findet sich in der Studie auch die Behauptung, dass am meisten während Commute-Times (also morgens und abends) gehört wird. Das leuchtet zwar intuitiv ein, ist aber interessanterweise etwas, das Rob Walch von Libsyn zumindest für die USA massiv bestreitet. In jedem seiner Statistik-Vorträge sagt er, dass Hörer in der Regel zwar behaupten, nur auf dem Arbeitsweg zu hören, aber die Abrufstatistik da eine andere Sprache spräche. Die Abrufe fänden nämlich über den Tag verteilt, also während der Arbeit ihre Höhepunkte.

Keine Ahnung, wer da nun Recht hat. Ich selbst höre über den Tag verteilt immer wieder, ganz abhängig davon was ich gerade mache. Der Weg zur Kaffeemaschine => Podcast, eine Stunde Sport => Podcast, Einkaufen gehen => Podcast, halbe Stunde Pause am Nachmittag => Podcast…

Kann ich eine Asiatin im Körper eines afrikanischen Rennradfahrers sein?

A.J. Jacobs ist einer der originellsten Buchautoren Amerikas. Seine Methode? Er macht Experimente und schreibt darüber. Sein erstes Buch schrieb er nachdem er die Encycopedia Britannica von A bis Z durchgelesen hat. Danach lebte er ein Jahr lang Wort für Wort was die Bibel ihm vorschrieb. Ein anderes Experiment war eine Periode radikaler Ehrlichkeit in der er sich selbst auferlegte jeden Gedanken unverfälscht zu äußern

Zur Zeit beschäftigt er sich damit den größten Stammbaum der Welt zu bauen. Dieses Projekt brachte ihn dann auch zu einem meiner liebsten Podcasts, Waking Up with Sam Harris. Sam Harris ist extrem intellektuell, hat einen Hintergrund in Neuroscience und Philosophie und verwickelt seine Gäste in lange Gespräche. Diese Folge war keine Ausnahme. Sie war voll gepackt mit interessanten oder amüsanten Gedanken. Einer aber blieb bei mir besonders nachhaltig hängen und um den geht es mir gerade…

Das Gespräch drehte sich um „Tribalism“, also der Tendenz des Menschen sich in Gruppen einzusortieren. Mann, Frau, Nerd, Sportler, Kulturfan… Diese Kategorien formen unser Selbstbild, unsere Rollen und die Erwartungen der Gesellschaft an uns. Manche Rollen sind wählbar (Kulturfan), andere nicht (weißhäutiger Mitteleuropäer).

NOCH nicht.

Sam und AJ diskutierten nämlich eine Weile lang, dass die Idee sich anhand von Race (also ethnischer Herkunft) einzusortieren genetisch unsinnig ist und mit voranschreitender Technologie auch praktisch immer unsinniger wird. Wir leben bald in einer Zeit in der wir theoretisch gentechnische Anpassungen vornehmen können, die weitreichend unser Aussehen und Zugehörigkeiten betreffen, ob wir das tun werden steht freillich auf einem anderen Blatt.

Außerdem ist es ja so, dass selbst ohne genetische Veränderungen unsere Zugehörigkeiten zu solchen Gruppen in erster Linie gesellschaftlich konstruiert sind. So kann man ja sehr wohl als Kind dunkelhäutige Afrikaner aber mit weißer Haut geboren werden. Trotzdem haben solche Menschen dann oft Schwierigkeiten von ihrer Umwelt als Mitglied der Gruppe akzeptiert zu werden.

Und dann machte die Diskussion eine Kurve, die mich seither nicht mehr losgelassen hat. Müsste man nicht, so fragt Sam, Menschen genauso die Freiheit lassen ihre ethische Zugehörigkeit frei zu wählen ganz analog dazu wie sie heutzutage immer öfter die Möglichkeit haben ihre Geschlechtsidentität zu bestimmen?

In anderen Worten: Wenn wir akzeptieren, dass Menschen transgender sind, sollten wir nicht konsequenterweise auch erlauben, dass sie trans-ethnisch sind? Kann ich ein Asiatin im Körper eines Lateinamerikaners sein?

Ich finde den Gedanken super spannend. Für mich ist die Antwort: Aber logisch muss das erlaubt sein, ist nur logisch folgerichtig. Allerdings schleicht sich da auch sofort die Frage ein ob es nicht langsam absurd wird menschliche Eigenschaft zu dynamisieren.

Denn mit einer solchen Möglichkeit löst sich auch ein Großteil der bisher gesetzten Rollensystemen endgültig auf. Woher wir kommen, welcher Kultur wir entstammen, welches biologische Geschlecht wir haben… Alles egal. Was zählt ist wie wir uns selbst fühlen und einsortieren. Wir wählen unseren „Tribe“ selbst.

Aber natürlich funktioniert das ganz praktisch überhaupt nicht. Denn diese Zuordnungen finden eben extern statt. Die Gesellschaft ordnet uns anhand unserer Eigenschaften bestimmten Systemen und Gruppen zu. Da entsteht ein System, das wesentlich filigraner ist als die Beispiele Mann-Frau und Ethnische Zugehörigkeit suggerieren. Man kann schließlich nicht einfach so von „biertrinkenden antiintellektuellen Handwerker“ (nur ein Beispiel, natürlich gibt es hochintellektuelle Handwerker oder Antiintellektuelle, die kein Bier trinken) zum „kunstbegeisterten Klassikfan in einer soziologischen Debattiergesellschaft“ werden. Wo wir dazugehören wird eben auch heute extern definiert, anhand von Habitus erkannt und wir können es nur zum Teil und manchmal mit erheblichen Aufwand selbst beeinflussen. Bourdieu lässt grüßen.

Der Unterschied aber: Wenn wir uns die Frage stellen ob Menschen ihr Geschlecht selbst wählen können und vielleicht auch ihre ethnische Zugehörigkeit, dann ist das ja vielleicht ein Symptom für unsere auf den einzelnen fokussierte Individualgesellschaft. Je individuenlastiger die Kultur, desto mehr wird gegen fest vorgegebene durch den Einzelnen unbeeinflussbare Rahmenvorgaben angerannt. Ob das funktionieren wird muss sich zeigen aber es erklärt wenigstens schon mal warum ausgerechnet die Amerikaner derzeit so viel mit diesen Themen ringen…

Wer zum Thema weiterlesen möchte wird hier fündig.

Die Einschläge kommen näher…

Ich verfolge zur Zeit etwa 160 Podcasts (ja, ich weiß… Irre… #shrug), ca. ein Drittel davon ist Englisch. Seit etwa 2 Jahren passiert es da immer öfter, dass inmitten des liebevoll erzeugten sogenannten „driveway moments“ auf den amerikanische Radioleute so stolz sind nicht nur irgendeine zeitlose Werbeeinblendung kommt, sondern eine mit modernster Technik auf mich zugeschnittene Formatwerbung! Juhu! So passiert es dann, dass ich in der Mitte von 99% Invisible oder Radio Diaries aus dem Nichts eine Karstadt-Werbung auf Deutsch serviert bekomme weil mein Download ja schließlich mit einem Deutschen Gerät oder von Deutschland aus stattfand. Das ist in etwa so als würde man bei voller Fahrt vom dritten in den Rückwärtsgang schalten. Vermutlich kann meine Umwelt in diesen Augenblicken meine Neuronen gequält aufschreien hören.

Zweites Erlebnis dieser Art:

In der Lage der Nation, einem beliebten Nachrichtenpodcast der jetzt auch stolz mit einem professionellen Vermarkter zusammenarbeitet, wird mir plötzlich eine Werbung serviert, die davon spricht, dass ein Angebot „nur noch heute“ gilt. Uhm. Naja. Danke auch. Ich halte Werbung im Podcast ja so schon für Zeitverschwendung, aber zeitgebundene Werbung in einem zeitsouveränen Medium? Da hat der Vermarkter wirklich  nicht verstanden was der Unterschied zwischen Radio und Podcast ist, oder? Wenigstens bietet die Lage der Nation aber eine valide Alternative an: Wer sich ein Abo klickt, der wird die Werbung los.

Drittes Erlebnis:

Noch zum Ende des Jahres schneit eine Mail bei mir rein mit der Einladung bei „Deutschlands größtem Audiovermarkter“ unterzukommen und Werbung in meinen Podcast zu integrieren. Auf Nachfrage werde ich informiert, dass so 6-9€ pro tausend Kontakte möglich wären. Woohoo! Was mich daran erschrickt sind zwei Aspekte: Einmal glaube ich dieser Preis ist nicht mal ungewöhnlich (auch wenn es zwanzigmal höhere Beispiele gibt) und zweitens werden immer mehr Hobbypodcaster und solche, die gerne irgendwann mal damit Geld verdienen wollen, genau diese Angebote nutzen weil sie so schön simpel und massentauglich sind.

Man braucht also kein Genie zu sein um eine einfache Vorhersage für 2018 zu treffen: Dieses Jahr wird das Jahr der nervigen Podcastwerbung! Und hier sind die Zutaten, die das verursachen werden:

  1. Mehr und mehr Leute versuchen mit Podcasting Geld zu verdienen (finde ich eigentlich gut), haben aber leider keine Phantasie eigene Geschäftsmodelle zu finden. Damit gibt es drei dominante Modelle (es gibt auch noch mehr, aber die sind derzeit recht selten zu finden): Paywall, Werbung, Podcast als content marketing engine um Kurse o.ä. zu verticken (Funnel).
  2. Die Vermarkter drängeln sich nach vorne und Podcasts wie Lage der Nation oder die die Viertausendhertzler freuen sich über klassische Formatwerbung wie wir sie aus dem Radio kennen. Formatwerbung aber ist unpersönlich und wird auf Massenpublikum optimiert. So wirbt dann plötzlich eine Fluglinie für Last Minute Angebote und Douglas für Weihnachtsgutscheine.
  3. Apple macht Statistiken verfügbar
    Bisher hat die Branche den Mythos verbreitet, Werbung in Podcasts wäre supereffizient. Dank Statistiken sehen wir jetzt immer öfter wie viele Hörer Podcastwerbung einfach nur überspringen. Spoiler-Alert: Viele.
  4. Technische Entwicklungen in den USA sorgen für einen Datenstandard
    Klingt super, nützt aber eigentlich nur den wirklich großen Plattformen mit entsprechender Verbreitung und wird damit fast ausschließlich zur Optimierung der Sendungen verwendet. Immer wenn das Geschäftsmodell also „Werbeeinnahmen“ heißt, wird auf Werbeerfolg hin optimiert.
  5. Die Automatisierung schreitet voran, Stichwort: Dynamic Ad Insertion
    Das ist wirklich die Pest! Formatwerbung hatte ich in den letzten Jahren erfolgreich aus meinem Leben entfernt und jetzt kommt sie ausgerechnet in Podcasts wieder? Muß das wirklich sein? Die Entwicklung ist da ja auch ganz offensichtlich vorgezeichnet: Zuerst kommen bessere Statistiken um festzustellen an welchen Plätzen Werbung am Besten greift. Dann kommt mit vielen Anbietern auf dem Markt und der Erkenntnis wie wenig das tatsächlich funktioniert der freie Fall der erziehlbaren Preise. Schließlich werden immer mehr Anbieter versuchen, uns zum Anschauen der Werbung zu zwingen indem sie ihre Inhalte exklusiv über bestimmte Plattformen ausspielen, die ein Skippen unterdrücken… Aus dem selben Grund sind inzwischen immer mehr Spots „mid-roll“ geschaltet, also mitten im Podcast um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass sie auch gehört werden. Weil die Preise dann niedrig sind und Plattformen mit eigenem Client einen Vorteil haben wenn es darum geht ihre HörerInnen zum Hören zu zwingen, lohnt sich Werbung dann nur noch in den Massenkanälen und die hoffnungsfrohen Kleinpodcaster gehen in diesem Modell leer aus.

Versteht mich nicht falsch: Meinetwegen macht das jedes Format so wie es will und es ist absolut nichts ehrenrüchiges daran, Geld verdienen zu wollen. Ich finde aber schade, dass wir offensichtlich keine Alternativen zu finden scheinen.

Interessant finde ich in dem Zusammenhang übrigens auch, dass praktisch alle Podcasts mit Formatwerbung hierzulande betonen, dass ihrem Hörerfeedback zufolge Werbung völlig ok wäre. Die Frage ist dann allerdings ob die Zustimmung auch so hoch wäre wenn die Leute keine Möglichkeit des Vorwärts-Spulens mehr hätten, also das Anhören der Werbung zur Pflicht werden würde. Na, wer hat Lust auf 20 Sekunden Werbung von Aldi bevor der eigentliche Podcast losgeht?

Ich für meinen Teil habe es mir deswegen zur Regel gemacht, Podcasts zu unterstützen, die alternative Wege beschreiten. Tatsächlich zahle ich inzwischen mehr Geld direkt an Podcaster als an die GEZ 🙂

Und jedes mal wenn ich von einem Podcast gefragt werde „Wäre Werbung für Dich ok“, antworte ich im Wesentlichen „wenn es sein muss vielleicht, aber ein werbefreies Bezahlangebot wäre mir lieber“.

Zum Abschluß…

Als ich mir Letzteres auf Twitter von Viertausendhertz wünschte, kritisierte der Podcaster Christian Möller meine Anmerkungen weil mein Arbeitgeber (und damit auch ich) einen Großteil seiner Einnahmen aus Werbung bestreitet…

Das ist ein verständlicher Reflex und weil der vielleicht auch dem einen oder anderen Leser so in den Sinn kommt, habe ich drei Anmerkungen dazu:

  1. Auch Google findet nicht pauschal jede Art der Werbung gut, manche wird sogar aktiv unterbunden. Außerdem bietet mein Brötchengeber obendrein immer mehr Optionen sich von ihr freizukaufen. So haben z.B. GSuite Kunden keine Werbung in Google Apps, mit Youtube Red kann man bald auch hierzulande werbefrei YouTube konsumieren etc.
  2. Ich selbst finde es übrigens auch nicht verwerflich wenn Werbung als Finanzierungsmodell genutzt wird, das soll jede(/r) gerne so machen wie es beliebt. Ich persönlich nehme mir trotzdem das Recht heraus, Werbespots nicht konsumieren zu wollen und deswegen aktiv für eine Alternative zu lobbyieren.
  3. Die Logik „Du arbeitest bei Google, Google verdient Geld mit Werbung, darum musst Du Werbung in Podcasts gut finden“ mag einleuchtend klingen, aber sie funktioniert so nicht. Mitarbeiter von Jack Daniels müssen schließlich auch nicht jede Nutzung von Alkohol befürworten und Berliner dürfen auch weiterhin gegen den neuen Flughafen sein, selbst wenn sie in der Stadt wohnen, die ihn unbedingt bauen möchte.

Wie dem auch sei… Ich schließe ab mit einem Appell:

Hallo Du!

Es gibt großartige PodcasterInnen da draußen, viele investieren einen Großteil ihrer Freizeit und einige hoffen auch damit irgendwann Geld verdienen zu können. Ob sie das auch langfristig schaffen und wie sich die Podcasterei weiterentwickelt hängt damit aber von uns Hörer(inne)n ab und von den Geschäftsmodellen, die wir möglich machen. Darum: Wünsch Dir bitte aktiv Sponsorship und Pay-for-content Modelle als Alternativen zur Werbefinanzierung und lasse Deinen Wünschen dann auch Taten folgen. Davon haben wir mittelfristig alle was. 

Bis bald,
Dirk

Mehr schreiben…

Ich habe mich eben durch meinen Draft-Ordner im Dauerstauner geklickt und knapp 20 Entwürfe gelöscht, meist weil sie längst vergangene Themen und Beispiele aufgreifen, oft aber auch weil ich sie beim Überfliegen einfach nur schlecht fand.

Dabei sind diese Entwürfe (genauso wie meine brachliegende Mailingliste) ein Symptom dafür, dass ich eigentlich glühender Blogfan bin und ganz allgemein gerne wieder mehr schreiben möchte.

Zur Zeit gibt es online nicht weniger als 6 mehr oder weniger inhaltsschwangere Webseiten von mir und nochmal so viele sind in den Tiefen des Internets versunken wenn ich aus den unterschiedlichsten Gründen den Stecker zog. Meine Ausflüge auf Linkedin, Medium oder Tumblr zähle ich da jetzt nicht mehr. Ich mache das also gerne, nur nicht so oft wie ich eigentlich möchte. Ergo: Los geht’s! Ab heute wird nicht mehr für den Entwürfe-Ordner sondern wieder für die hüstel Massen geschrieben.

Dafür wird das hier vermutlich auch ein wenig „rantiger“ und mehr Tagebuch als Essay-Spot. Ach, und Bilder könnten gelegentlich auch auftauchen, genauso wie auch #gasp downloadbares Audiozeugs.

Stay with me 🙂

Digitalkompetenz? Du mich auch.

Ich hatte diese Woche ein Erlebnis der besonderen Art, eines das mich immer noch beschäftigt…

Vor einiger Zeit ereilte mich eine Nachricht in der ein Freund aus Microsoft-Tagen mir einen Bekannten vorstellte. Er arbeite gerade an seinem Doktortitel, das Thema wäre „Digitalkompetenz“ und da würde er sich sehr gerne mit jemanden bei Google unterhalten. Ob ich das nicht machen könne. „Aber sicher doch“ antworte ich und der Kontakt wird hergestellt. Ein Interview soll es werden, erfahre ich, so um die 45 Minuten lang.

Kein Problem, ich mache das gern. Sicherlich kann man ein paar Dinge über Digitalkompetenz lernen wenn man über den Arbeitsalltag von Google (oder Microsoft) reflektiert und als Googler und Ex-Microsoftler weiß ich ein paar Sachen darüber wie da gearbeitet wird. Als Manager habe ich mir außerdem schon einige Gedanken zum Thema Fähigkeiten und Weiterentwicklung von Mitarbeitern gemacht und – last not least – bilde ich mich selbst ja auch ständig in Sachen Technologie weiter und glaube deswegen sogar aus erster Hand beitragen zu können.

Digitalkompetenz?

Das Feld selbst kann spannend sein, glaube ich. Ein Blick ins Internet bringt allerdings nichts als Artikel von supertollen Managementconsultants, die darüber schwadronieren, dass „Digitalkompetenz immer wichtiger für Leadership und Innovation sei“. In Digitalkompetenz würde verstärkt investiert, werde ich de aufgeklärt. „Vermutlich am Besten in Euch“, denke ich.

Ich mache mir also meine eigenen Gedanken dazu was das wohl sein könnte. Digitalkompetenz ist sicherlich zunächst mal die Fähigkeit in einer digitalen Welt zu arbeiten und produktiv zu sein, vermute ich. Das wäre dann bestimmt in erster Linie die Kommunikation und der produktive Umgang mit Software. Schlagworte die mir einfallen sind „Social Media, insbesondere auch zur Projektkoordination und als Alternative zu Mails und Telefon“, „Datenanalyse und Datenvisualisierung“, „die Unterschiede zwischen technischen Experten und Businessentscheidern, die in Sachen digitaler Medien immer mehr verschwimmen“, …

Und: Kommunikation! Das wäre eigentlich das A&O. Wir kommunizieren anders in unserer neuen digitalen Welt. Wir verwenden andere Werkzeuge, andere Routinen und andere „social codes“. Die Regeln von Fax & Telefon sind schon lang nicht mehr ausreichend und diejenigen, die virtuos zwischen kreativer Nutzung digitaler Werkzeuge wechseln und angemessene Wege der Kommunikation finden sind im Vorteil.

Kommunikation!

„Toller Input!“, meint mein Doktorand während ich am Dienstag mit ihm darüber spreche. Irgendwann will er es konkret auf einzelne Werkzeuge runtergebrochen haben. Ich erzähle ihm von Slack, von Projektmanagementwerkzeugen, davon dass Mitarbeiter ihre eigene Technologie ins Unternehmen bringen und die IT Fachschaft oft hinterherhinkt und aus einer Gestaltungsebene zum Bereitsteller von Infrastruktur wird… „Das war prima, das hat mir sehr geholfen. Wäre toll wenn wir im November noch mal telefonieren können, dann für das nächste Paper. Wäre das möglich?“, fragt er.

Ich freue mich, ich habe wirklich versucht zu helfen. Es wundert mich zugegebenermaßen ein wenig, dass er so wenig darüber wissen wollte wie den nun speziell Google arbeitet. „Wir nähern uns mehr den traditionellen Unternehmen an, die sind vielleicht anders. Wie ist denn die Situation da?“, fragte er. Ok, ich glaube ich kenne einige traditionelle Unternehmen. Deswegen erzähle ich davon was ich bei einigen gesehen habe und zu wissen glaube… Wie Google arbeitet, was bei uns „Digitalkompetenz“ sein könnte erfährt er so nicht, aber ich hoffe trotzdem zu helfen. „Ja, das war super hilfreich.“, meint er auf Rückfrage. Irgendwann verabschieden wir uns…

Und hätte ich auch direkt aufgelegt, gäbe es diesen Artikel nicht.

Denn…

Tatsächlich brauche ich einen Moment um mein Bluetooth Headset zu bedienen. Gerade lang genug um zu merken, dass mein Gesprächspartner versehentlich noch auf Freisprechen ist und außerdem lang genug um zu hören wie ein Kommilitone ihn fragt wie denn das Gespräch mit dem Googler gewesen sei… Die Neugierde lässt mich seine Antwort abwarten.

„War Müll.“, sagt er. „Der hat von Kommunikation und Social Media gelabert, wahrscheinlich weil er halt bei Google ist und denkt, das wäre wichtig. Macht aber nichts, ich wollte eh nur mit ihm sprechen weil das Paper besser aussieht wenn Google mit dabei ist.“

Ich starre auf mein Telefon. „Arschloch!“, denke ich. Hatte nicht er die Fragen gestellt, hätte er nicht steuern können welche Bereiche er beleuchtet? Außerdem ärgert mich die Aussage nur Deko für sein Paper zu sein schon sehr. Die eben noch gerne gespendete Stunde Zeit in der ich jemandem zu helfen glaubte war nichts mehr wert. Meine Zeit war komplett verschwendet worden und anscheinend waren meine Ideen und Aussagen… dumm?

Ich will etwas sagen, doch in dem Moment bricht die Verbindung ab. Ich schreibe statt dessen eine Mail…

Hey XXXXXXX,

ganz kurz noch.
Du warst noch auf Freisprechen, ich war noch am Telefon.
Nächstes mal willst Du vielleicht sicherstellen, dass Du aufgelegt hast bevor Du Deinem Kumpel erzählst, dass ich Dir nur geholfen habe weil ich bei Google bin und ansonsten das Gespräch für die Tonne war. Ich war mir nicht bewusst, dass das die falsche Flughöhe war. Wenn ich nachgefragt habe, meintest Du das passt so.

Ich habe mir gerne die 45 Minuten genommen, jetzt bin ich menschlich allerdings einigermaßen sauer.

viele Grüße,
Dirk

Er ruft kurz darauf an, entschuldigt sich wortreich. Ein Blackout sei das gewesen. Er wisse nicht was ihn geritten habe. Außerdem sei das faktisch auch falsch gewesen, denn er hätte definitiv viel Nützliches aus dem Gespräch genommen und dazugelernt.

Ich atme durch, nehme die Entschuldigung an und sag ihm er soll mir konkrete Fragen per Mail schicken wenn er anderen Input brauche. Wenn er schon seine Diss in Google Farben anstreicht, dann will ich wenigstens wirklich etwas beigetragen haben.

Digitalkompetenz? (2. Teil)

Er schickt mir ein Diagramm. Digitalkompetenz wird da beschrieben als ein vierstufiges Schichtenmodell mit Businessleuten auf der einen und IT Fachleuten auf der anderen Seite. Und zwischen denen diffundieren nun die Kompetenzen, so die Vorstellung. Die ITler müssen also jetzt auch Verständnis für Kunden und Marketing aufbauen und die Nicht-ITler müssen wissen was eine Cloud ist… Salopp formuliert. Digitalkompetenz ist das was die Ebenen über dem für die reine IT Infrastruktur zuständigen Fachbereich haben. Die IT Infrastrukturler haben dann dem Modell nach Technikkompetenz. Hm… Naja.

Ich schicke ihm ein bißchen Input und ein paar Gedanken zu dem Modell an sich. Vor allem aber interessiert ihn welche Kompetenzen in jedem einzelnen Bereich meiner Meinung nach nötig seien und ich trage welche in eine Matrix ein. Als er mir antwortet, dass das diesmal klasse sei und geholfen hätte stelle ich fest, dass ich ihm das nicht mehr glaube und antworte ich stünde im November dann doch lieber nicht mehr zur Verfügung… Nicht weil ich immer noch sauer wäre sondern weil ich mich ehrlich gesagt gut fühlen möchte wenn ich jemandem helfe. Das geht aber nur wenn ich das „Hey, das hat geholfen, danke!“ auch glauben kann.

Abends erzähle ich meiner Familie davon und erkläre den Kids, dass wahrscheinlich jeder sich mal wie ein Arschloch verhält auch wenn er ein ganz netter ist. Ich auch, jeder. Deswegen bin ich dem Typen nicht sauer, aber noch mal helfen? Ne…

Das ist erstmal durch.

Ansonsten denke ich allerdings immer noch über „Digitalkompetenz“ nach.

Kompetent worin eigentlich?

Ich habe meine ganze berufliche Laufbahn in Unternehmen verbracht, die ihren Mitarbeiter volle Freiheit bei der Nutzung technischer Innovationen geben. Da möchte man meinen, dass die „Digitalkompetenz“ eigentlich sehr hoch sein sollte… Allerdings stelle ich trotzdem täglich fest, das Kollegen nicht mit EMail-Clients umgehen können, dass nur wenige Ahnung haben wie man gute Präsentationen baut und dass die Möglichkeiten von Excel&Co nicht zum Verständnis von Daten sondern zur Vermehrung von Datenmüll genutzt werden. Leute, die mich per Chat fragen ob ich ihre EMail schon gesehen habe, brauchen eigentlich einen Grundkurs in Online-Etikette und grundlegenden Softwareprodukten. Und dabei weiß ich durch Vergleich im Bekanntenkreis, dass es bei uns in der Tat besser ist als in vielen anderen Unternehmen. Meine Frau berichtete schon von Formbriefen, die in Excel geschrieben wurden und neulich erzählte mir ein Bekannter von e-Mails, die als PDF Anhang verschickt wurden. Brrrrrr.

Oft wird heute ganz selbstverständlich vorausgesetzt, dass die Leute mit Mailclient, Kalender, Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationssoftware umgehen können. Groupware, Chat und Videokonferenzsysteme kommen zunehmend auch zu diesem Kanon des digitalen Wissens. Aber kaum ein Bewerbungsverfahren prüft das und schon gar nicht werden Auffrischungskurse nahegelegt (wär ja noch schöner, ich weiß doch wie man mailt…). Die geneigten Leser mögen sich selbst mal fragen ob sie irgendwann schon mal eine Schulung in den genannten Produkten hatten und wenn ja, wie lange das schon zurück liegt. Und irgendwann mal aufgefrischt? Im Ernst: Es tut sich regelmäßig Neues, da gibt es Funktionen zu entdecken! Wir neigen aber dazu anzunehmen, dass jemand sich mit den genannten Werkzeugen auskennt sobald genug Zeit damit verbracht worden ist. Das Wissen scheint dann zeitlos zu sein, einmal Gelerntes bleibt gültig. Yey!

Unternehmen schicken Topmanager auf „Executive Leadership Seminare“ in denen sie lernen, dass Digitalkompetenz essentiell für „Innovation culture“ und „Disruption“ sei und dabei haben die selbst keinen Dunst wo in ihrem Mailclient die Rechtschreibkorrektur ausgelöst wird und dass man im Kalender verschiedene Farben einstellen kann… Von so fortgeschrittenen Funktionen wie BCC oder dem Unterschied von „Reply“ und „Reply All“ will ich gar nicht sprechen.

Heutzutage kann man ja schon froh sein wenn die Bildungselite ihr Telefon und dessen Freisprechanlage richtig bedienen kann…

Digitalkompetenz? Du mich auch.

Was wir brauchen ist kompetente Kommunikation, kompetente Selbstorganisation und Fantasie. Wenn dann noch Neugierde auf technische Möglichkeiten dazukommt, dann können wir konkurrenzlos die Welt aus den Angeln heben.

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