Kann ich eine Asiatin im Körper eines afrikanischen Rennradfahrers sein?

A.J. Jacobs ist einer der originellsten Buchautoren Amerikas. Seine Methode? Er macht Experimente und schreibt darüber. Sein erstes Buch schrieb er nachdem er die Encycopedia Britannica von A bis Z durchgelesen hat. Danach lebte er ein Jahr lang Wort für Wort was die Bibel ihm vorschrieb. Ein anderes Experiment war eine Periode radikaler Ehrlichkeit in der er sich selbst auferlegte jeden Gedanken unverfälscht zu äußern

Zur Zeit beschäftigt er sich damit den größten Stammbaum der Welt zu bauen. Dieses Projekt brachte ihn dann auch zu einem meiner liebsten Podcasts, Waking Up with Sam Harris. Sam Harris ist extrem intellektuell, hat einen Hintergrund in Neuroscience und Philosophie und verwickelt seine Gäste in lange Gespräche. Diese Folge war keine Ausnahme. Sie war voll gepackt mit interessanten oder amüsanten Gedanken. Einer aber blieb bei mir besonders nachhaltig hängen und um den geht es mir gerade…

Das Gespräch drehte sich um „Tribalism“, also der Tendenz des Menschen sich in Gruppen einzusortieren. Mann, Frau, Nerd, Sportler, Kulturfan… Diese Kategorien formen unser Selbstbild, unsere Rollen und die Erwartungen der Gesellschaft an uns. Manche Rollen sind wählbar (Kulturfan), andere nicht (weißhäutiger Mitteleuropäer).

NOCH nicht.

Sam und AJ diskutierten nämlich eine Weile lang, dass die Idee sich anhand von Race (also ethnischer Herkunft) einzusortieren genetisch unsinnig ist und mit voranschreitender Technologie auch praktisch immer unsinniger wird. Wir leben bald in einer Zeit in der wir theoretisch gentechnische Anpassungen vornehmen können, die weitreichend unser Aussehen und Zugehörigkeiten betreffen, ob wir das tun werden steht freillich auf einem anderen Blatt.

Außerdem ist es ja so, dass selbst ohne genetische Veränderungen unsere Zugehörigkeiten zu solchen Gruppen in erster Linie gesellschaftlich konstruiert sind. So kann man ja sehr wohl als Kind dunkelhäutige Afrikaner aber mit weißer Haut geboren werden. Trotzdem haben solche Menschen dann oft Schwierigkeiten von ihrer Umwelt als Mitglied der Gruppe akzeptiert zu werden.

Und dann machte die Diskussion eine Kurve, die mich seither nicht mehr losgelassen hat. Müsste man nicht, so fragt Sam, Menschen genauso die Freiheit lassen ihre ethische Zugehörigkeit frei zu wählen ganz analog dazu wie sie heutzutage immer öfter die Möglichkeit haben ihre Geschlechtsidentität zu bestimmen?

In anderen Worten: Wenn wir akzeptieren, dass Menschen transgender sind, sollten wir nicht konsequenterweise auch erlauben, dass sie trans-ethnisch sind? Kann ich ein Asiatin im Körper eines Lateinamerikaners sein?

Ich finde den Gedanken super spannend. Für mich ist die Antwort: Aber logisch muss das erlaubt sein, ist nur logisch folgerichtig. Allerdings schleicht sich da auch sofort die Frage ein ob es nicht langsam absurd wird menschliche Eigenschaft zu dynamisieren.

Denn mit einer solchen Möglichkeit löst sich auch ein Großteil der bisher gesetzten Rollensystemen endgültig auf. Woher wir kommen, welcher Kultur wir entstammen, welches biologische Geschlecht wir haben… Alles egal. Was zählt ist wie wir uns selbst fühlen und einsortieren. Wir wählen unseren „Tribe“ selbst.

Aber natürlich funktioniert das ganz praktisch überhaupt nicht. Denn diese Zuordnungen finden eben extern statt. Die Gesellschaft ordnet uns anhand unserer Eigenschaften bestimmten Systemen und Gruppen zu. Da entsteht ein System, das wesentlich filigraner ist als die Beispiele Mann-Frau und Ethnische Zugehörigkeit suggerieren. Man kann schließlich nicht einfach so von „biertrinkenden antiintellektuellen Handwerker“ (nur ein Beispiel, natürlich gibt es hochintellektuelle Handwerker oder Antiintellektuelle, die kein Bier trinken) zum „kunstbegeisterten Klassikfan in einer soziologischen Debattiergesellschaft“ werden. Wo wir dazugehören wird eben auch heute extern definiert, anhand von Habitus erkannt und wir können es nur zum Teil und manchmal mit erheblichen Aufwand selbst beeinflussen. Bourdieu lässt grüßen.

Der Unterschied aber: Wenn wir uns die Frage stellen ob Menschen ihr Geschlecht selbst wählen können und vielleicht auch ihre ethnische Zugehörigkeit, dann ist das ja vielleicht ein Symptom für unsere auf den einzelnen fokussierte Individualgesellschaft. Je individuenlastiger die Kultur, desto mehr wird gegen fest vorgegebene durch den Einzelnen unbeeinflussbare Rahmenvorgaben angerannt. Ob das funktionieren wird muss sich zeigen aber es erklärt wenigstens schon mal warum ausgerechnet die Amerikaner derzeit so viel mit diesen Themen ringen…

Wer zum Thema weiterlesen möchte wird hier fündig.

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