Wie viel Geld braucht man zum Leben?

Dieser Blogpost war bisher auf primbs.de im Archiv und hat nun hier auf Dauerstauner ein neues Zuhause gefunden…

Unter den vielen Dingen, die ich so mache und begeistert betreue, gibt es ein ganz besonderes Projekt: Das Ferngespräch. Es handelt sich dabei um ein Podcast Projekt bei dem wir die Gelegenheit haben, einem Weltreisenden (Alexander) bei einer einjährigen Weltreise „über die Schulter“ zu schauen. Mich fasziniert daran besonders die philosophische und die psychologische Komponente. Mit seinem Trip stellt Alexander unter anderem viele Grundannahmen auf die Probe und wir diskutieren regelmäßig darüber.

Heute nun ging es uns auch allgemein um Konsum. Alexander hatte vor einiger Zeit einen kurzen, sehr sehenswerten Vortrag des Neurobiologen Prof. Gerald Hüther entdeckt. Dort nimmt er sehr kurzweilig ein paar Zusammenhänge zwischen Konsum und wahrgenommenem Glück aufs Korn.

Unsere Diskussion nun ging darum, dass Alexanders Meinung nach die Grundannahmen auf denen viele Menschen ihr Leben aufbauen und ihre Ängste falsch und unbegründet sind. Als Ergebnis identifizierten sich Menschen nicht mit ihrem Leben/ihrer Arbeit und wären daher meist unglücklich. Ergo: Sie betäuben ihren Kummer durch Konsum und je mehr Konsum, desto mehr Geld muss ran… etc. etc.

Jedenfalls fragte mich Alexander irgendwann wie viel Geld man meiner Meinung nach zum Leben bräuchte.

Hm… Kurz mal Pause… Überlegt mal: Was braucht ihr so?

Meiner Meinung nach gibt es drei mögliche Antworten auf die Frage „Wie viel Geld braucht man zum Leben?“

1. Gar keins

Genau. Geld braucht man nicht, wenn es „nur“ ums Überleben geht. Dabei beziehe ich mich übrigens auch nicht auf Menschen, die von der „Stütze“ leben oder betteln, denn die brauchen ja eben doch Geld. Ich meine vielmehr Menschen, die autarke Lebensmodelle verfolgen, indem sie etwa ihren gesamten Bedarf an Lebensmitteln selbst produzieren und per Tauschwirtschaft Mängel untereinander ausgleichen. Das führt aber zu einem wichtigen Punkt: Ressourcen braucht man eben doch, mindestens Zugriff auf Land etwa und Wissen. Die hat man entweder schon, oder muss sie erwerben. Letzteres ist in der Regel aber ohne Geld nicht möglich.

Nehmen wir nun aber an, dass die meisten Menschen eben nicht in der Lage sind, ihren gesamten Bedarf aus eigener Produktion zu stillen, bleibt uns eine Erkenntnis: Lossagen vom gegenwärtigen kommerziellen System mag toll klingen, funktioniert aber nicht. Es stellt sich also die Frage, was der minimal notwendige Aufwand für eine Deckung der Grundbedürfnisse wäre. Außerdem ergibt sich eine Erkenntnis: Lebenshaltungskosten sind relativ:

2. Es hängt vom Ort ab

Ein Apfel in München kostet deutlich mehr als ein Apfel in Bangkok. Eine Wohnung in Berlin will beheizt werden, eine in Thailand nicht unbedingt. Es sollte selbsterklärend sein: Selbst wenn ich „nur“ von der Basisversorgung ausgehe (eine Garnitur angemessener Kleidung, gesundes Essen, ein Dach über dem Kopf, ärztliche Versorgung), variieren die Kosten dramatisch. Dieses Geld will erarbeitet werden. Der vermutlich günstigste Fall ist ein alleinstehender, kinderloser Mensch Mitte 20, denn hier haben wir es mit einem gesunden Menschen ohne Verpflichtung zu tun. Aus diesem letzten Satz leitet sich aber ein wichtiger weiterer Punkt ab:

3. Es hängt von der Lebenssituation ab

Es kommt eben auch noch darauf an, wo man sich auf seinem Lebensweg befindet und welches Modell zugrunde liegt. Ein Rentner hat vielleicht erhöhte Arztkosten, eine Familie mit Kindern muss darüber hinaus zusätzlichen Lebenunterhalt und Material für die Schule etc. einkalkulieren usw. usf. Vielleicht gilt es eine Ausbildung zu finanzieren, evtl. hat man die Verantwortung für andere Menschen übernommen, etc. Meine Erfahrung: Die Kosten explodieren in bestimmten Lebenssituationen geradezu. Wer etwa Kinder im Krabbelalter hat, kann ein Lied von Kleiderkosten singen: Die Kleidung ist so schnell kaputt, dass es kaum second hand Optionen gibt und man kann den Kindern praktisch beim Wachsen zusehen, so dass obendrein ein ständiger Bedarf zu stillen ist…

Hm…?

Natürlich ist auch in diesen Fällen der tatsächlich notwendige Betrag immer noch deutlich niedriger als die Summen, die wir gewohnt sind auszugeben. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass wir uns gerne auch „etwas gönnen“ wollen. Kleidung soll auch mal neu sein, beim Essen achten wir auf fair trade, wir sind Kaffee-Liebhaber oder Film-Fans usw. Die Summen steigen so mit unseren Ansprüchen. Man nennt das gerne „Lebensstandard“. Was dabei für uns Westler unsichtbar bleibt ist, dass wir diesen Lebensstandard am Ende der Wertschöpfung genießen, weil andere vor uns Werte durch Arbeit geschaffen haben. Die werden dann umverteilt und durch globale Prozesse weiter veredelt und verteuert.

Mein Punkt: Aus diesem System kann keiner von uns aussteigen. Wir können es kritisieren. Wir können bemerken, dass manche Menschen mit Konsum Defizite auszugleichen versuchen, wir können unsere Bedürfnisse auf den Prüfstand stellen und erkennen, dass wir viel weniger brauchen als wir glauben. Aber: Es bleibt Konsum. Weniger vielleicht, bewusster evtl. aber dann doch Teil des Systems, denn mein Kind nackt krabbeln zu lassen ist eben doch keine echte Option…

Kann man ausbrechen?

Ich glaube nicht. Zumindest nicht wirklich. Denn: Würden wir alle – sagen wir mal – feststellen, wir kämen mit 10€ am Tag aus und wollten unser Leben darauf ausrichten, gäbe es gleich mehrere Probleme.

  1. Wovon leben zukünftig die anderen Menschen, deren Unterhalt bisher durch unseren Konsum mit-finanziert wird? Radikal betrachtet gibt es Fabriken voll mit Textilarbeiter in Malaysia nur deswegen weil im Westen so viel T-Shirts gekauft werden. Natürlich müssen wir um menschenwürdige Arbeitsbedingungen und faire Bezahlung ringen, aber trotzdem steht außer Frage, dass weltweit Milliarden Menschen davon abhängig sind, dass andere ihre Leistungen und Produkte in ausreichendem Maße anfragen.
  2. Viele Produkte und Dienste existieren nur, weil es Konsum gibt. Stellen wir uns doch die Frage wie die Welt wohl aussähe, wenn wir alle bei der Tauschwirtschaft stehen geblieben wären. Weltweit reisen? Internet? Ganzjährig ausgewogene Ernährung? Fraglich… Ich glaube (ohne es akademisch durchleuchtet zu haben), dass Menschen sich nur dann aus dem System verabschieden können, wenn sie in der Minderheit bleiben. Solange die selbstversorgende Dorfgemeinschaft noch einen Bus nutzen kann um im Notfall ins Krankenhaus zu kommen ist gewissermaßen alles ok…
  3. Die meisten Einkommensmodelle lassen keine geminderte Erwerbstätigkeit zu: Um an einen Punkt zu kommen, dass man wirklich gut bezahlt wird und den Luxus hätte mit wenig Zeitaufwand genug Geld zu verdienen, muss man erst einmal vollständig im System sein und sich voran gearbeitet haben. Steigt man aus, fällt das Niveau schnell wieder ab. Ergo: Es ist Luxus, zum Aussteiger zu werden. Um das ernsthaft tun zu können, muss man zunächst eine beträchtliche Hürde genommen haben. Es gibt viele Menschen, die arbeiten den ganzen Tag für 10€ und weniger. Für die klänge diese ganze Diskussion höchst befremdlich, denn aussteigen ist nicht wirklich als Option gegeben.

Darum glaube ich, ein echter Ausstieg ist nicht möglich. All jene, die sich ihre Freiheit „kaufen“, haben eigentlich das System bis zu dem Punkt unterstützt, dass sie das überhaupt erst leisten können. Außerdem wäre das Leben als Aussteiger ganz schnell ziemlich miserabel, wenn alle dem Beispiel folgten. Ergo: Jeder moderne Nomade, der in Freiheit durch die Welt tingelt und online Geld verdient profitiert davon, dass der reiche Westen konsumiert und die armen Teile der Welt schön billig bleiben. Geld braucht er nämlich trotzdem und dafür nutzt er das System geschickt, um uns Konsumenten als Geldquelle einzusetzen.

Und noch ein Gedanke: Ich will gar nicht mit dem absoluten Minimum auskommen. Denn: Ich studiere gerne (kostet Geld), halte das Internet für eine großartige, menschheitsverbessernde Erfindung (kostet Geld) und Computer für die faszinierendsten Werkzeuge, die wir bisher geschaffen haben (kostet Geld). Ich gehe gerne in Ausstellungen (tja…) und möchte mein Essen auch mal selbst zubereiten (ein Ofen, Besteck etc…). Und um das Bild komplett zu machen: Ich liebe meinen Job und den dürfte ich nicht machen, wenn ich nur einen Tag die Woche arbeiten wollte.

Im Ergebnis: Wie viel Geld brauche ich zum Leben? – Sicherlich weniger als ich zur Zeit verbrauche.
Und ihr so?

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