Von A, B und C-Leuten

Wenn es eine Ikone unserer hypesüchtigen Branche gibt, dann wohl ihn. Er hat Technikgeschichte geschrieben, trieb seine Mitarbeiter mit Micromanagement und Detailversessenheit schier in den Wahnsinn, fiel tief, stieg wieder auf…

Die Rede ist natürlich von Steve Jobs.

Tatsächlich geht sein Einfluß dabei weit über das Maß hinaus, das andere Gestalten der IT Branche für sich beanspruchen können. Ihm wurde überragende Führungskompetenz nachgesagt, Charisma, Innovationsstärke…
Als Figur ist er geradezu sakrosankt. Jenseits des überlieferten diktatorisch-herrischen Führungsstils werden seine Zitate oft wie antike Weisheiten gehandelt.

Kürzlich begegnete ich einer ebensolchen. Steve hatte einmal in einem Interview darüber gesprochen wie wichtig der Einfluss der richtigen Leute auf ein Produkt sei. Speziell ließ er sich darüber aus wie wichtig es wäre, eben nicht zweit- oder gar drittklassige Mitarbeiter einzustellen sondern im Gegenteil immer nach erstklassigen Leuten Ausschau zu halten. Er nannte es A-People und – wie sollte es auch anders sein – selbstverständlich hatte Steve es geschafft, nur eben solche einzustellen. Diese Menschen wären dann auch völlig begeistert und leidenschaftlich, denn sie hätten ja „noch nie erlebt, ausschließlich mit A-People zusammenzuarbeiten“.

Der dazugehörige Tweet war bereits dutzendemale weiterverteilt und das Video war x-mal geliked.
Ich nehme an, dass alle Re-tweeter von sich selbst als A-People oder zumindest als einigermaßen gute B-People dachten. Steve Jobs Behauptung lässt sich jedenfalls in einer häufig zitierten Aussage zusammenfassen:

A people hire A people, B people hire C people

Was für ein Bullshit.
Übrigens nicht der einzige Blödsinn aus Steve’s buntem Zitatenschatz, aber dazu vielleicht ein anderes mal mehr.

Nehmen wir den Satz einmal genauer in den Blick.

A people hire A people.

Wer kann denn überhaupt definieren, was ein Mitglied dieser ominösen Gruppe ausmacht? Im Netz finden sich natürlich tausende Definitionsversuche. Besonders hartnäckig seien sie, Auge für Details sei wichtig, Kompetenz und der Wille zu lernen, Soziale Fähigkeiten usw. usf. Unterm Strich erkennen wir diese A People allerdings immer erst in Rückschau. Es ist die Tatsache, dass sie erfolgreich waren, die uns in ihnen ein besonderes Talent für die richtigen Entscheidungen sehen lässt. Könnten wir sie vorhersagen, wäre so manche Unternehmenspleite vermeidbar. Es versuchen nämlich alle die richtigen Leute und eben diese geheimnisvollen A-People einzustellen. Anscheinend klappt das wohl nicht immer…

Mein Problem damit: Menschen in eine Schublade zu stecken und ihre Leistungsfähigkeit auf einen längeren Zeitraum als die Tagesverfassung festschreiben zu wollen zeugt von einer bemerkenswerten Kurzsichtigkeit. Ich kenne niemande, dessen Leistung nicht von dutzenden Faktoren abhängig ist. Faktoren, die sich zum Teil innerhalb von Stunden ändern können und häufig auch nicht in der Hand des Einzelnen sind. Ob sich unter gegebenen Umständen jemand als Leistungsträger herausstellt, ist also eigentlich gar nicht vorhersehbar.

Trotzdem ist der zitierte Satz ein Lieblingszitat vieler Manager. Zugrunde liegt ihm ein sehr menschlicher Denkfehler, dem wir alle immer wieder aufsitzen.
Unser Gehirn ist darauf gepolt, Kausalketten aufzubauen. Wir schreiben Geschichten, die in sich schlüssig sind. Wenn nun ein Unternehmer erfolgreich ist, gehen wir davon aus, dass es Entscheidungen waren, die dorthin geführt haben und nicht etwa glückliche Umstände. War sein Erfolg von vielen Menschen abhängig, dann war offensichtlich schon diese Personalentscheidung elementar wichtig und kompetent. Der Unternehmer war eindeutig ein Alpha-Tier, seine Mitarbeiter haben ihn erfolgreich gemacht, ergo: Auch alles Alpha-Tiere. Nachdem der Satz ja „A people hire A people, B people hire C people“ heißt, geht die Kette sehr befriedigend weiter. Jeder erfolgreiche Manager vermutet ein brillianter Menschenflüsterer zu sein. Er ist ein A und stellte natürlich lauter A’s ein. Klar.

Ich habe Manager erlebt, die in jedes Interview mit nahezu null Vorbereitung gingen und dann innerhalb von 20 Minuten Personalentscheidungen trafen. Wenn danach ihr Bereich weiterhin Erfolge verbuchte lag das – selbstverständlich – an ihrer Menschenkenntnis, ihren Führungsqualitäten und eben ihrer Zugehörigkeit zur Gruppe der A-People. Wer könnte dem auch wiedersprechen? Anscheinend hat der Manager ja irgendetwas richtig gemacht, oder?

Diesen Effekt würde Kahnemann, ein brillianter Psychologe und Nobelpreisträger, „Hindsight bias“ und „what you see is all there is“ nennen. Wir machen Sinn aus den aktuellen Beobachtungen und im Rückblick lassen wir alles weg das das Gesamtbild stören könnte. Außerdem können wir nur Dinge berücksichtigen, die wir wahrnehmen. Es ist unglaublich schwer und oft sogar unmöglich Faktoren zu berücksichtigen, die nicht eingetreten sind, aber das Bild komplett verändert hätten.

Hätten wir beispielsweise Steve selbst als A People identifiziert als er gerade frisch von seiner Firma auf die Straße gesetzt worden war? Wohl kaum. Er hatte zu dieser Zeit gerade eine massive Niederlage eingesteckt. Erfolg ist anders.
Heute jedoch, mit Wissen um sein Come Back: Wooohoooo! Was für ein Finale! Wie viele Menschen in ähnlicher Situation nicht wieder auf den Sattel gefunden hätten reicht uns dann schon als Beweis für die Brillianz dieses einen, wenngleich vieles sicher auch einfach nur Glück, Umstände und den richtigen Freunden geschuldet war.

Nun befinden wir uns in einer leistungsgetriebenen und individualisierten Gesellschaft. Wir beten Menschen die „ihr Ding“ durchziehen geradezu an und lesen Erfolg an Geld, Einfluß und Sichtbarkeit einzelner Gallionsfiguren ab. Mich stört dabei nur das Schubladendenken, dem wir uns dadurch unterwerfen. Nennt mich idealistisch, aber ich glaube wir sind alle A,B und C People, je nachdem in welchen Umständen wir uns wiederfinden und welche Menschen wir um uns haben. Ich kann nicht einen meiner Erfolge nur allein auf mich beziehen, das waren immer Erfolge, die von anderen ermöglicht wurden.
Umgekehrt ist jede noch so brilliante und visionäre Führungsfigur ein Produkt ihrer Umgebung.

Das geht übrigens in zwei Richtungen.
So habe ich auch schon Teams mit unglaublich unkompetenten Managern gesehen, die trotzdem erfolgreich waren, da ihr Team für sie die Kohlen aus dem Feuer holte. Wird das gesehen? Nur wenn man genau hinsieht. Alle flüchtigen oder distanzierteren Beobachter werden Führungskompetenzen vermuten.

Sätze wie der „A people hire…“ springen daher viel zu kurz, ja machen mich geradezu ärgerlich. So einfach sind wir Menschen nicht, in Gruppen noch viel weniger. Ich bevorzuge deswegen eine grundsätzlich andere Philosophie. Wenn ich nämlich akzeptiere, dass Erfolg ein Produkt meiner Umgebung ist, dann gibt es nur eine richtig gute Strategie damit umzugehen: Ich sollte meiner Umgebung dabei helfen erfolgreich zu sein und mich davor hüten den Stab über Leute zu brechen, die es gerade nicht sind.

Statt also selbst zu versuchen, in den erlauchten Kreis der A-People zu kommen, helfe ich lieber anderen dabei erfolgreich zu sein. Im Ergebnis strahlt das manchmal vielleicht sogar auch auf mich selbst ab, in jedem Fall aber erzeugt es eine Arbeitsumgebung in der ich mich wohler fühle als in dem Laden, den es angeblich seinerzeit bei Steve gegeben haben soll…

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