Smartphones sind schlecht für Dich

…, denn sie sorgen dafür, dass Dich eMails aus der Arbeit auch in Deiner Freizeit erreichen!

So oder so ähnlich sieht eine Behauptung aus, die immer wieder zitiert wird. Zuletzt habe ich das heute im DRadio Wissen Hörsaal serviert bekommen.

Dieser Effekt – die ständige Erreichbarkeit – sei nämlich ein großer Treiber für den Zustand, der landläufig als Burnout bekannt ist. Der moderne Mensch könne gar nicht mehr abschalten und manche Unternehmen reagieren schon darauf indem sie beispielsweise nach 8h keine Mails mehr verschicken.

Das klingt auch irgendwie ganz gut, denn hat nicht jeder von uns schon einmal das Gefühl gehabt abends weiterarbeiten zu müssen? War es nicht das Smartphone, das uns die ganze Zeit an unsere unerledigten Aufgaben erinnerte und die Anfrage des – auch nachts um 1 noch arbeitenden! – Managers auch in den wohlverdienten Urlaub noch nachlieferte und damit für Schuldgefühle und Leistungsdruck sorgte?

Für mich stellt sich da allerdings dann eine Frage: War das eigentlich früher anders? Konnte ein Handwerker im Mittelalter Fünfe gerade sein lassen wenn ihm danach war? Konnte ein Bauer einfach beschließen im Bett zu bleiben statt morgens sein Tiere zu füttern? Wie war das während der Industrialisierung, wie in der Nachkriegszeit?

Wer sich heute davon gestresst fühlt dank universeller Erreichbarkeit auch vom Strand aus arbeiten zu können, der vergisst einen wichtigen Punkt: Früher gab es diese Option gar nicht. Nicht nur wäre es unmöglich gewesen, Arbeit an einen anderen Ort mitzunehmen, nein – es war auch weder genug Geld noch genug Freiheit vorhanden um auch nur den Versuch zu unternehmen.

Meine Frau und ich arbeiten beide Vollzeit und schaffen es trotzdem unsere Kinder zu versorgen. Das ist nur möglich weil wir beide hinreichend moderne und flexible Arbeitgeber haben. Arbeiten am Abend oder am Wochenende werden da leicht durch Freiheit und Flexibilität aufgewogen, ja es ist sogar diese Möglichkeit, die uns überhaupt erst einen wirklich ausgeglichenen Lebensstil eröffnet.

Für uns ist das Leben dadurch entspannter, nicht stressiger. Die Aufgabenstellung ist eben nicht wie so oft behauptet, seine Work-Life-Balance zu finden, sondern es geht um Work-Life-Integration. Denn diese Trennung von Arbeit und Freizeit ist eine „neumodische“ Erfindung der Industrialisierung und kein Naturgesetz. Genausowenig ist es automatisch mit Streß verbunden, sich aktiv gegen oder für die Bearbeitung bestimmter Aufgaben zu entscheiden.

Wer aus solchen Überlegungen heraus gegen Mails und Smartphones wettert, der vergißt wodurch Streß wirklich entsteht: Durch Überforderung. Mails aber überfordern nicht sondern schlecht gestellte Aufgaben und problematische Kommunikationsstrukturen. Oder anders: Wer einen schlechten Chef oder ein Team mit negativer Stimmung hat, dem helfen auch die besten Mail-Praktiken nichts…

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