Sind wir auf Frust gepolt?

Es ist eine spannende Frage, die ich mit Alexander, meinem Partner in Das Ferngespräch zum Abschluss, gewissermassen „of the record“ noch diskutiert habe… Sind wir eigentlich darauf ausgelegt zufrieden zu sein oder kann unser Gehirn eigentlich gar nicht anders als ständig zu meckern.

Alexander führte seine Erfahrungen in dem buddhistischen Kloster in Indien ins Feld. Dort werde die Zufriedenheit mit Kleinigkeiten gepredigt. Wir können uns an vielen Kleinigkeiten erfreuen und dadurch ultimativ zu unserer Zufriedenheit und Glück finden.

Ich wiederrum meinte, dass Glück per Definition immer ein Ausnahmezustand ist. Ich glaube, Glück entsteht immer auch in Beziehung zu einer Vergleichsgröße. Ich bin glücklich weil ich mich daran erinnere, wie es ist, unglücklich zu sein.

Denn seien wir mal ehrlich: Wären wir dauernd glücklich, so ließe sich das irgendwann nur noch durch fortgesetzten Drogenmißbrauch erklären. Alle anderen Menschen brauchen für Glück in aller Regel einen Grund und eben damit auch eine Vergleichsgröße. Grundlos glückliche Menschen sind meiner Erfahrung nach entweder stoned oder haben andere Probleme.

Hirnphysiologisch ist es übrigens tatsächlich gar nicht schwer einen glücklichen von einem unglücklichen Menschen zu unterscheiden. Was es braucht ist allein der passende Chemiecocktail und schon geht es uns gut.

Es gibt übrigens auch einen anerkannten Standard-Test, den Oxfort Happiness Inventory (OHI), der mit Hilfe eines psychometrischen Tests eine Einstufung vornimmt. Ich erreiche einen Score von 5.3, bin also vermutlich gerade noch von der zurückliegenden Woche geflasht oder auf Drogen 🙂

Prof. Dr. Ruckriegel fasste 2006 sehr gut zusammen, aus welchen Blickwinkeln wir auf Glück schauen können. Demnach gibt es folgende Faktoren:

  • familiäre Beziehungen
  • finanzielle Lage (Einkommen)
  • befriedigende Arbeit
  • soziales Umfeld
  • Gesundheit
  • persönliche Freiheit
  • Lebensphilosophie (Religion)

Dabei wird der Wert von materiellen Gütern in unserer westlichen Welt oft überschätzt und besonders auch unterschätzt wie schnell der Gewöhnungseffekt dann doch einsetzt.

Sieht man sich jedenfalls diese Liste an, so wird schnell klar: Diese Faktoren alle in einer befriedigenden Balance zu halten dürfte ausgesprochen schwer fallen. So geht finanzieller Wohlstand oft mit einer Einschränkung der persönlichen Freiheit einher. Zu viel Konzentration auf Arbeit mag zu Schwierigkeiten im familiären Umfeld führen etc.

Unser grundsätzlich soziales Gehirn legt noch eine Komplikation oben drauf. So sind es auch oft die Emotionen der Menschen in unserer Umgebung, die einen massiven Einfluß auf unsere eigenen Empfindungen haben. So hatte Facebook vor einiger Zeit getestet, ob das gezielte Auswählen von Nachrichten einen Einfluß auf deren geäußerte Stimmungen haben könne. Die beteiligten Wissenschaftler denken nun, das sei so (auch wenn andere die Struktur der Studie als unzureichend kritisieren). In jedem Fall dürfte es schwer fallen, glücklich zu sein wenn man von unglücklichen oder auch nur unzufriedenen Mitmenschen umgeben ist.

Doch zurück zu etwas für uns vermeindlich Kontrollierbaren: Die oft zitierten Kleinigkeiten, an deren Wert wir uns im Alltag viel zu wenig erfreuten. Leider ist damit ebenfalls kaum ein umfassendes Glücksgefühl erreichbar, bestenfalls kurze Momente der Freude und in der Summe vielleicht Zufriedenheit. Glück ist jedoch mehr als das. Die Glücksforschung definiert dieses Gefühl oft unter anderem auch dadurch, dass es zeitlich begrenzt sei und vom Wunsch der Wiederholung begleitet sei.

Genau dieser Wunsch auf Wiederholung aber treibt uns oft voran. Wären wir in einem Zustand permanenten Glücks, gäbe es schließlich keinen Grund mehr, die Situation zu verändern. Weil Glück aber vergänglich ist, arbeiten wir immer wieder aufs Neue darauf hin. Ein Großteil unserer Erfolge, viele unserer Entwicklungen, Experimente und Veränderungen lassen sich damit erklären. Evolutionär macht es also eigentlich viel mehr Sinn, uns diese „Glückskarotte“ vor die Nase zu halten. Wir bleiben dadurch in Bewegung und schreiten voran. Leider meist unzufrieden und gewissermaßen hungrig.

Vielleicht ist daher auch der Anspruch auf Glück nicht direkt umsetzbar. Eventuell ist es besser, mit dem Streben nach Zufriedenheit zu beginnen. Von da aus kann man dann vielleicht besser nach seinem Glück greifen.

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