Leselisten wie sie sein sollten

Die Menschheit ist offensichtlich anfällig für Kettenbriefe und Schneeballsysteme. Ich bilde da auch keine Ausnahme, hatte ich doch erst kürzlich selbst an der Ice Bucket Challenge teilgenommen.
Diese Aktion war ein Riesenerfolg und rückte die Krankheit ALS in das Bewusstsein hunderter Millionen Menschen. Auch wurden Millionensummen gespendet und dank witzigem Video hatten wir auch noch alle Spaß dabei… Erfolgsrezept war eindeutig das genannte Schneeballsystem und der Kettenbriefeffekt.

Zynische Geister freilich wissen es besser. Hatten wir nicht eigentlich nur den sozialen Status im Sinn? Was wenn nicht wir aber alle unsere Freunde nominiert werden würden? Wie viele spendeten überhaupt? Eigentlich war das doch ein Riesen Selbstdarsteller-Fest, von der Wasserverschwendung mal ganz zu schweigen…

Wie viel besser ist da nun die neueste Aktion, die der Ice Bucket Challenge gleich auf dem Fuße folgt: Eine Leseliste wird gefordert. 10 Bücher, die uns geprägt haben, sollen wir liefern und eine Gruppe anderer benennen, die dann ihrerseits eine Liste liefern.

Endlich eine wundervolle Gelegenheit der Selbstdarstellung und anders als bei der Ice Bucket Challenge kostenlos und gewissensbißfrei! Einzig ein Problem besteht noch: Welche Auswahl an Literatur lässt uns nun im perfekten Licht erscheinen? Eher etwas übertreiben? Wollen wir unsere spirituelle oder unsere intellektuelle Seite betonen?

Kaum einer will zugeben, falls er zwar alle Romane von Stephen King aber keinen einzigen Klassiker gelesen hat. Noch weniger würde man öffentlich äußern, dass vielleicht doch mehr aus „Feuchtgebiete“ und weniger von „der Steppenwolf“ in Erinnerung geblieben war.

Ich lese viel und sehr Unterschiedliches. Ein Bekannter erzählte mir einmal, Amazon betrachte Leser, die mehr als 20 Bücher pro Jahr beziehen, als Vielleser. So gesehen bin ich mit 3-4 Büchern im Monat gut dabei.

Viele dieser Bücher haben auch Spuren hinterlassen. Das ist aber meist weniger Verdienst des Buches als eine Kombination aus meiner eigenen Stimmung, Lebensphase und willkommenen Impulsen aus den Texten. Geprägt hat mich vermutlich am ehesten noch die Was-Ist-Was-Sammlung meiner Jugend. Stundenlang konnte ich mir das Themenbuch Weltraum oder die Ausgabe über Dinosaurier anschauen. Tatsächlich geht mir das heute immer noch so 🙂

Aber generell beeindrucken mich Bücher bestenfalls. Prägen? Nein, geprägt werde ich dann doch von Menschen und weniger von Büchern. Bücher beeindrucken, vielleicht stoßen sie auch gelegentlich Denkprozesse an. Sie bilden sicherlich. Aber ohne Diskussion und damit ohne fruchtbaren Boden auf dem diese Denkprozesse zu Ideen werden, sind sie reine Papierverschwendung.

Wer sich nun meine persönliche Top 10 wünscht, der muss sich Zeit nehmen, denn die kann ich eigentlich nur für meinen Gesprächspartner maßschneidern. Am Besten an einem gemütlichen Abend vor einem prasselnden Feuer.
Dann erzähle ich von meinen liebsten Geschichten, faszinierenden Sachbüchern und hänge an den Lippen meines Gesprächspartners wenn er von seinen Favoriten berichtet…

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