Gedanken zu House MD

Ich habe keinen Fernseher und liege damit laut einer Studie der GfK voll im Trend. Allerdings verdiene ich kein Mitleid, denn die Leinwand-Beamer-Kombination in unserem Wohnzimmer lässt manches Dorfkino erblassen.
In der Tat schauen wir aber kein TV, wir zappen nicht, sondern schauen gezielt US Serien und Kinofilme. Warum ich das für einen fundamentalen Unterschied halte soll gerne mal Gegenstand eines anderen Posts werden.

Unter meinen Favoriten sind Serien mit hohen Produktionsbudgets und damit guten Drehbüchern, aufwändigen Sets und spannenden Storylines. Beispiele dafür sind Six Feet Under, True Blood, The West Wing und eben auch meine derzeitige Lieblingsstory House MD. Auch damit liege ich übrigens angeblich genau im Trend. Verdammt. Wir sind dann doch weniger individuell als wir immer glauben.

Doch zurück zu House MD: Hauptfigur ist Dr. Gregory House, ein beeindruckend brillianter Diagnostiker mit bissig-zynischem Auftreten und sehr losem Verständnis für Regeln. Er ist sexistisch, bissig – kurz: Ein Arsch. Trotzdem symphatisiert man irgendwann mit dieser Figur und House selbst ist umgeben von Menschen, die zwar unter ihm leiden, aber trotzdem immer wieder für ihn durchs Feuer gehen, ja ihn geradezu lieben.

Tatsächlich gibt es diese Konstellation nicht erst seit House. Die Hauptfigur in Lie to me ist beispielsweise ebenso egozentrisch, ähnlich bissig Mann und ein Meister seines Fachs (in diesem Fall die Deutung von Mimik).

Was nun macht die Faszination dieser Charaktere aus? Warum sind diese Serien derart erfolgreich und die Hauptfiguren so beliebt? Für mich persönlich sind das zwei Aspekte:

  1. House ist derart brilliant, dass er dadurch praktisch unangreifbar wird. Egal, welche Regeln er bricht: Es steht immer außer Zweifel, dass er einem größeren Zweck dient und seine Umwelt zweifelt seine Brillianz nie wirklich an. Diese Brillianz ist sein Schutzschild, sein Joker. Er rettet Menschenleben der Puzzles wegen und der Erfolg gibt ihm ein ums andere Mal Recht. Meine Güte, was wünschte ich mir, über eine ähnliche Kompetenz zu verfügen! Seit der Antike ist diese Idee – die Übermacht des individuellen Geistes – fest in unserer Gesellschaft verankert. Patrick Breitenbach würde es ein Meme nennen. Wir alle glauben daran. Allein, sie stimmt nicht.
    Das Problem ist die individuelle Kombination: Brillianz als Ausgleich für asoziales Verhalten gibt es nun einmal nicht.
    Um nämlich überhaupt an die Position zu kommen, seine Brillianz (wenn sie denn existiert) ausleben zu können, muss man sich vielen Regeln beugen. Bis es dann so weit ist, verhält man sich eben korrekt. Obendrein gibt es kaum Menschen, die tatsächlich für sich beanspruchen können derart ausnahmetalentiert zu sein (sonst wäre es ja keine Ausnahme mehr :-)) und wer es ist, hat in aller Regel eine harte Zeit. Schließlich fördern wir Menschen lieber den Durchschnitt als das Besondere in unserem Umfeld. Studien haben immer wieder gezeigt: sobald jemand uns ähnlich ist, finden wir ihn symphatisch, das attraktivste Gesicht in der Menge ist eine Mischung aus allen. Und was das Talent angeht: Ein Blick in den Alltag in Unternehmen zeigt, dass Teamkollegen Ausnahmebegabte Mitmenschen auch mal lieber an den Rand drängen um Konkurrenten loszuwerden als sie nach vorne zu bringen. Tja. Fazit also: Ich weiß, dass meiner Brillianz enge Grenzen gesetzt sind, aber selbst wenn dem nicht so wäre, befreite auch das nicht davon sich mit seiner Umwelt zu arrangieren. Zum Glück.
  2. House ist oft ein seine Umwelt drangsalierender Unsympath. Er entlässt Menschen aus Launen heraus, manipuliert, verletzt systematisch Gefühle und ordnet andere Menschen seinen jeweiligen Zielen unter. Grenzüberschreitung ist Programm und zugegebenermaßen auch Teil des Spaßes für den Zuschauer. Trotzdem steht seine Umwelt immer wieder zu ihm. Er hat Freunde, einen Job und in seinen dunkelsten Stunden helfen seine Mitmenschen ganz selbstverständlich. Was für ein Traum! Man stelle sich vor: Egal was wir tun, wir sind nie allein. Das ist wie die „Du kommst aus dem Gefängnis frei“-Karte in Monopoli. Wir „normale“ Menschen hingegen verbringen unsere Tage damit mit wechselnder Berechtigung sorgenvoll auf die Beziehungen zu achten, die uns wichtig sind. Denn wir wissen: Menschen sind fast nie altruistisch und Beziehungen können zerbrechen. Meine Frau verlässt mich wenn ich sie ständig anlüge, mein Chef zeigt mir die Tür wenn ich ihn beschimpfe und meine Kollegen werden mich in meine Schranken weisen wenn ich sie gegeneinander ausspiele. Es gibt also viele Gründe sich zumindest teilweise im Zaum zu halten. Und in der Realität drehen sich Menschen eben irgendwann von uns ab wenn wir ihre Geduld überstrapazieren.

Gibt es nun ein Fazit? Nicht wirklich.
Ich habe große Freude an den Dilemmata in Serien wie House MD, verfolge die Dialoge, schätze die Rätsel und lache mich schlapp über bissige Formulierungen. Bei alledem beneide ich den Charakter um seine Brillianz, bewundere die Treue seiner Mitmenschen und bin gleichzeitig froh darüber, dass mich niemand zwingen könnte Menschen wie ihn in meiner Nähe zu dulden…


kleines Update:
Die Diskussion im Kollegenkreis brachte Zweifel. Viele sind der Meinung, es gäbe eben doch brilliante Unsymphaten, besonders der akademische Sektor würde derartiges Verhalten ja geradezu fördern. Außerdem seien ja immer wieder Menschen in kaputten Beziehungen gefangen und stünden wieder besseren Wissens eben doch zu ihren Partnern obwohl die es gar nicht verdient hätten. Klingt irgendwie richtig.
Ich glaube nur, dass es nahezu ausgeschlossen ist, gleichzeitig beides zu haben. Die meisten Brillianzbolzen haben wenigstens gelegentlich sozial verträgliche Verhaltensweisen und die asozialen Idioten sind in der Regel weder Brilliant, noch besonders erfolgreich…

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