Flexi-Pesci-Vegan-Vegetarier (und Außerirdische)

Unser Großer ist Vegetarier. Für ihn ist das eine Gelegenheit, sich abzugrenzen und erwachsener zu werden. Für uns Eltern ist es eine Möglichkeit die Gemüseaufnahme unserer Kinder zu erhöhen. Toll!

Erstaunlich nun die Reaktion unserer Umwelt. Der Hort meinte etwa, als wir baten die Entscheidung unseres Ältesten zu respektieren, das sei doch ohnehin bald wieder vorbei und es gäbe Probleme einem Kind in der Gruppe eine Sonderstellung einzuräumen. Hm. Wir bestanden auf dieser Sonderstellung. Ok, ging dann doch.

Vegetarier = automatisch gesund?

Andere Kommentatoren meinten, wir müssten ab jetzt doch bestimmt gezielt Vitamine beimengen. Es sei doch schließlich problematisch ganz auf Fleisch zu verzichten. Ähm… nö… Freunde, auf Fleisch verzichtet es sich ganz einfach. Ein Vegetarier isst ja immer noch Käse, Joghurt, Eier – kurz: tierische Eiweiße und Fette. Gesünder lebt er aber auch nicht automatisch. Um es mit einer Bekannten zu sagen: Ich kann mich den ganzen Tag von Pommes ernähren und mich mit Recht Vegetarier nennen.
Aber – und das ist ein wichtiger Einwand – Vegetarier zu sein erhöht bei den Meisten die Vielfalt nicht-tierischer Anteile in der Diät. Hüsenfrüchte, Obst, Salate, Nüsse, Joghurt, Käse… die verschiedenen Varianten können wichtiger werden. Bei uns wurden sie das zumindest.

Und Veganer?

Schwierig wird es erst bei Veganern. Die schwören nämlich eigentlich nicht einer bestimmten Nahrungskategorie ab (tierischen eben), sondern handeln nach der Maxime, Tiere nicht auszunutzen. Schwierig wird das dadurch, dass unsere Gesellschaft schlicht nicht darauf ausgerichtet ist. Kaum ein Restaurant, kaum eine Party wo der der Veganer auf seine Kosten kommt. Außerdem ist es hier eben doch besonders wichtig ausgewogen zu sein in der Ernährung. Mit einem Vitamin (B12) fehlt sogar ein Nährstoff ganz und man muss in seiner Ernährung besondere Sorgfalt walten lassen und darf nicht mehr darauf vertrauen sich praktisch „automatisch“ richtig zu ernähren.

Eigentlich wäre ich gern vegan. Oder auch nicht?

Veganer zu sein heißt damit vieles selbst zuzubereiten und kompetent über die eigene Ernährung zu wachen. Für uns bedeutet das entweder ein Familien-Commitment oder eben kein Veganertum. Unsere Kinder können das selbst kaum umsetzen ohne sich in die Mangelernährung zu navigieren. Wir arbeiten beide und können damit kaum vollständig über ihre Ernährung wachen.

Ich selbst finde die Einstellung vieler Veganer absolut bewundernswert. Konsequent auf das Ausnutzen anderer Wesen zu verzichten ist ein wunderschöner Gedanke. Allein für mich ist er nicht umsetzbar. Ganz praktisch schon wenn es um die Nutzung von Milch geht, über Eier und ja, auch um das Steak, das ich mir alle paar Wochen nicht nehmen lasse.

Für mich war das Thema lange Jahre ein schwarzer Fleck. Ich selbst hatte mich oft bei dem Gedanken ertappt, es sei eigentlich ein ethischer Imperativ, Tiere zu schützen und respektvoll zu behandeln. Sie zu töten um sie zu essen wiederspricht dem eigentlich ganz offensichtlich. Ja, man könnte sogar so weit gehen, dass unser Beharren auf dem Recht, Tiere zu essen eine Form von Rassismus darstellt. Wir werten Tiere niedriger als unsere eigene Rasse und leiten daraus das Recht ab, über sie frei zu verfügen.

Natürlich verwahren sich viele Bekannte mit denen ich das Thema ansprach diesem Gedanken. Es stellt unsere tägliche Praxis schließlich massiv in Frage und legt nahe, dass das vielleicht auch moralisch irgendwie „nicht in Ordnung“ sein könnte. Ergo wehren sich viele massiv, bis hin zu Ärger, der aufkommt. Hm…

Was wenn Außerirdische…

Ich halte dem mal ein Gedankenexperiment entgegen: Stellen wir uns vor, heute landeten uns grenzenlos überlegene und weiterentwickelte Außerirdische auf der Erde. Sie blickten sich um und stellten fest, dass wir Menschen ganz vorzüglich zu ihrer Ernährung und allen möglichen anderen Produkten geeignet seien. Besonder auch das Fleisch unserer Babies erfreut die Gaumen der Neuankömmlinge. Deswegen beginnen sie damit, uns systematisch zu töten. Natürlich achten sie dabei darauf, dass wir nicht mehr als notwendig unter der Prozedur zu leiden hätten und alles effizient abläuft. Während wir lebten würden wir artgerecht gehalten und unser Lebensende käme zur perfekten Zeit kurz und schmerzlos.
Na? Gruselig? Aber hallo! Diese Außerirdischen könnten dieselben Argumente für sich geltend machen wie wir nutzen um unsere eigenen Praktiken zu rechtfertigen.

Ich selbst bin nicht besser

So schwankte ich denn auch in meinem Leben zwischen den Versuchen, auf Fleisch zu verzichten und diversen Rückfällen. Irgendwann erlaubte ich mir schließlich, nicht perfekt zu sein und 9 von 10 Tage Vegetarier zu sein. Das sind immerhin 9 Tage weniger Fleischgenuß als viele meiner Kollegen und Bekannten 🙂

Das eine Mal Fleisch essen erfährt dadurch – und das ist ein schöner Nebeneffekt – eine Aufwertung. Ich esse dann eben keine Streichwurst aus dem Kühlschrank sondern ein hochwertiges Stück Bio-Fleisch im Steakhaus. Natürlich starb die Kuh trotzdem dafür, aber zumindest habe ich keine gedankenlos zum Konsumprodukt verarbeitete Wurstmasse genutzt. Ergebnis: Ich werfe kein Fleisch mehr weg, das war früher manchmal anders. Ein schlechtes Gewissen habe ich angesichts meiner mangelnden Selbstdisziplin trotzdem immer mal wieder.

Die Veganer als die Bösen

Für mich war also immer schon klar, dass Vegetarier und Veganer eigentlich die Guten, die Konsequenten, die Willensstarken und Prinzipientreuen sind. Überraschend finde ich deswegen immer wieder festzustellen, dass es aber auch den genau gegenteiligen Blickwinkel gibt. Immer wieder begegne ich Mitmenschen, die regelrecht agressiv über Veganer sprechen. Wenn ich anmerke, dass ich das Gedankengut bewundernswert finde und nachvollziehen kann, ernte ich Stirnrunzeln und manch einer meiner Mitmenschen reagiert wahlweise mitleidig oder fast schon ärgerlich.

Liegt es daran, dass Veganer implizit eben nicht nur über ihr eigenes Eßverhalten sondern eben auch über das Verhalten ihrer Umwelt urteilen? Ist es das unterdrückte Bewußtsein, dass da vielleicht irgend etwas an unserem Verhalten doch nicht ganz in Ordnung sein könnte?

Tja…

Ich jedenfalls halte Euch (Veganer) weiterhin für die Guten. Und ihr müsst mir einfach verzeihen (oder hinnehmen, je nachdem), dass ich nicht so klar positioniert bin wie ihr.

Aber an dem Tag an dem vollsynthetische Steaks akzeptabler Qualität auf den Markt kommen bin auch ich Veganer, versprochen!

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