Es lebe der Mythos

Neulich war wieder einmal eine Social-Media-Mitmachwelle im Netz unterwegs. Konkret ging es darum, eine Liste von Büchern deren Lektüre geprägt hatte aufzustellen. (ich schrieb an anderer Stelle darüber)

Die Freundin, die mich nominierte, nannte denn auch als ihren absoluten Favorit „Die Rede des Häuptlin Seattle“ und erntete einiges an Beifall.
Natürlich ist so ein Buch in einer Leseliste viel mehr als ein reiner persönlicher Favorit. Es ist eine demonstrierte Lebenseinstellung, ein Aufruf, ein Statement über die eigenen Ansichten. Außerdem – und das ist besonders bemerkenswert – ist es ein Stück Popkultur.

Huh? Popkultur?
Exakt.

Denn den wenigsten der dieses Buch zitierenden Menschen ist bekannt, dass es sich bei der üblicherweise gemeinten Version eben nicht um die Aufzeichnung der originalen Rede (die es tatsächlich gegeben hat) handelt sondern um einen anläßlich eines Films in den 70ern neu geschriebenen Text.

Natürlich tut das der Aussage keinen Abbruch und der Text ist sicherlich nicht weniger wertvoll. Dennoch lässt sich aber auch unterstellen, dass gerade die vermutete Weisheit eines alten Indianerhäuptlings und die Romantisierung seines kulturellen Hintergrunds wichtig sind. Sonst könnte man schließlich auch das Parteiprogramm der Grünen oder eine Politikerrede des Klimaschutzgipfels heranziehen. Das wäre aber irgendwie nicht ganz so stilecht und identitätsstiftend, oder?

Bei der Beschäftigung mit diesen Gedanken fiel mir denn auch ein Buch ein.
Passend, nicht wahr?

Philip K. Dick erschuf eine Reihe großartiger Science Fiction Romane, einer davon trägt den Titel „Do Androids Dream of Electric Sheep?“ und war tatsächlich Inspiration für den berühmten SF Film „Blade Runner“. Wie im Film (der ansonsten recht wenig mit dem Roman zu tun hat) geht es in dem Buch um Replikanten, dem Menschen täuschend ähnliche Androiden. Eine Gruppe aufständischer Replikanten versucht nun die Menschen aufzurütteln und ihnen klar zu machen, dass viele ihrer Annahmen auf unwahren Mythen beruhen. So basiert die in dieser Zukunft vorherrschende Religion auf einer in einem Studio erschaffenen Fiktion. Als nun die Androiden genau diesen Umstand beweisen, erwarten Sie Umwälzungen und sind vollkommen perplex als die Menschen der Enthüllung vollkommen gleichgültig gegenüber stehen.

Sobald also ein Mythos einmal ausreichend etabliert ist, funktioniert er unabhängig ob die zur Stiftung eingesetzten „Fakten“ tatsächlich der Realität entsprechen. Anhänger erwidern dann, dass der Sinn schließlich auch noch bestehe wenn Zweifel an der Faktenlage bestünden. Es wird eine weitere Bedeutungsebene geschaffen, die dann unabhängig weiterlebt.

So dürfte es eigentlich vollkommen egal sein, was Seattle nun wirklich gesagt hatte. Im kollektiven Gedächtnis der Menschheit bleiben seine Worte als Weisheit und sinnstiftende Ermahnung und leben als Meme weiter, dass ganz ohne seinen Stifter auskommt.

Wer weiß, würden wir den Herrn der Ringe vergraben, vergessen und erst in 100 Jahren wieder entdecken, könnte dieses Buch sicherlich locker als Bibelersatz herhalten…

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