Digitalkompetenz? Du mich auch.

Ich hatte diese Woche ein Erlebnis der besonderen Art, eines das mich immer noch beschäftigt…

Vor einiger Zeit ereilte mich eine Nachricht in der ein Freund aus Microsoft-Tagen mir einen Bekannten vorstellte. Er arbeite gerade an seinem Doktortitel, das Thema wäre „Digitalkompetenz“ und da würde er sich sehr gerne mit jemanden bei Google unterhalten. Ob ich das nicht machen könne. „Aber sicher doch“ antworte ich und der Kontakt wird hergestellt. Ein Interview soll es werden, erfahre ich, so um die 45 Minuten lang.

Kein Problem, ich mache das gern. Sicherlich kann man ein paar Dinge über Digitalkompetenz lernen wenn man über den Arbeitsalltag von Google (oder Microsoft) reflektiert und als Googler und Ex-Microsoftler weiß ich ein paar Sachen darüber wie da gearbeitet wird. Als Manager habe ich mir außerdem schon einige Gedanken zum Thema Fähigkeiten und Weiterentwicklung von Mitarbeitern gemacht und – last not least – bilde ich mich selbst ja auch ständig in Sachen Technologie weiter und glaube deswegen sogar aus erster Hand beitragen zu können.

Digitalkompetenz?

Das Feld selbst kann spannend sein, glaube ich. Ein Blick ins Internet bringt allerdings nichts als Artikel von supertollen Managementconsultants, die darüber schwadronieren, dass „Digitalkompetenz immer wichtiger für Leadership und Innovation sei“. In Digitalkompetenz würde verstärkt investiert, werde ich de aufgeklärt. „Vermutlich am Besten in Euch“, denke ich.

Ich mache mir also meine eigenen Gedanken dazu was das wohl sein könnte. Digitalkompetenz ist sicherlich zunächst mal die Fähigkeit in einer digitalen Welt zu arbeiten und produktiv zu sein, vermute ich. Das wäre dann bestimmt in erster Linie die Kommunikation und der produktive Umgang mit Software. Schlagworte die mir einfallen sind „Social Media, insbesondere auch zur Projektkoordination und als Alternative zu Mails und Telefon“, „Datenanalyse und Datenvisualisierung“, „die Unterschiede zwischen technischen Experten und Businessentscheidern, die in Sachen digitaler Medien immer mehr verschwimmen“, …

Und: Kommunikation! Das wäre eigentlich das A&O. Wir kommunizieren anders in unserer neuen digitalen Welt. Wir verwenden andere Werkzeuge, andere Routinen und andere „social codes“. Die Regeln von Fax & Telefon sind schon lang nicht mehr ausreichend und diejenigen, die virtuos zwischen kreativer Nutzung digitaler Werkzeuge wechseln und angemessene Wege der Kommunikation finden sind im Vorteil.

Kommunikation!

„Toller Input!“, meint mein Doktorand während ich am Dienstag mit ihm darüber spreche. Irgendwann will er es konkret auf einzelne Werkzeuge runtergebrochen haben. Ich erzähle ihm von Slack, von Projektmanagementwerkzeugen, davon dass Mitarbeiter ihre eigene Technologie ins Unternehmen bringen und die IT Fachschaft oft hinterherhinkt und aus einer Gestaltungsebene zum Bereitsteller von Infrastruktur wird… „Das war prima, das hat mir sehr geholfen. Wäre toll wenn wir im November noch mal telefonieren können, dann für das nächste Paper. Wäre das möglich?“, fragt er.

Ich freue mich, ich habe wirklich versucht zu helfen. Es wundert mich zugegebenermaßen ein wenig, dass er so wenig darüber wissen wollte wie den nun speziell Google arbeitet. „Wir nähern uns mehr den traditionellen Unternehmen an, die sind vielleicht anders. Wie ist denn die Situation da?“, fragte er. Ok, ich glaube ich kenne einige traditionelle Unternehmen. Deswegen erzähle ich davon was ich bei einigen gesehen habe und zu wissen glaube… Wie Google arbeitet, was bei uns „Digitalkompetenz“ sein könnte erfährt er so nicht, aber ich hoffe trotzdem zu helfen. „Ja, das war super hilfreich.“, meint er auf Rückfrage. Irgendwann verabschieden wir uns…

Und hätte ich auch direkt aufgelegt, gäbe es diesen Artikel nicht.

Denn…

Tatsächlich brauche ich einen Moment um mein Bluetooth Headset zu bedienen. Gerade lang genug um zu merken, dass mein Gesprächspartner versehentlich noch auf Freisprechen ist und außerdem lang genug um zu hören wie ein Kommilitone ihn fragt wie denn das Gespräch mit dem Googler gewesen sei… Die Neugierde lässt mich seine Antwort abwarten.

„War Müll.“, sagt er. „Der hat von Kommunikation und Social Media gelabert, wahrscheinlich weil er halt bei Google ist und denkt, das wäre wichtig. Macht aber nichts, ich wollte eh nur mit ihm sprechen weil das Paper besser aussieht wenn Google mit dabei ist.“

Ich starre auf mein Telefon. „Arschloch!“, denke ich. Hatte nicht er die Fragen gestellt, hätte er nicht steuern können welche Bereiche er beleuchtet? Außerdem ärgert mich die Aussage nur Deko für sein Paper zu sein schon sehr. Die eben noch gerne gespendete Stunde Zeit in der ich jemandem zu helfen glaubte war nichts mehr wert. Meine Zeit war komplett verschwendet worden und anscheinend waren meine Ideen und Aussagen… dumm?

Ich will etwas sagen, doch in dem Moment bricht die Verbindung ab. Ich schreibe statt dessen eine Mail…

Hey XXXXXXX,

ganz kurz noch.
Du warst noch auf Freisprechen, ich war noch am Telefon.
Nächstes mal willst Du vielleicht sicherstellen, dass Du aufgelegt hast bevor Du Deinem Kumpel erzählst, dass ich Dir nur geholfen habe weil ich bei Google bin und ansonsten das Gespräch für die Tonne war. Ich war mir nicht bewusst, dass das die falsche Flughöhe war. Wenn ich nachgefragt habe, meintest Du das passt so.

Ich habe mir gerne die 45 Minuten genommen, jetzt bin ich menschlich allerdings einigermaßen sauer.

viele Grüße,
Dirk

Er ruft kurz darauf an, entschuldigt sich wortreich. Ein Blackout sei das gewesen. Er wisse nicht was ihn geritten habe. Außerdem sei das faktisch auch falsch gewesen, denn er hätte definitiv viel Nützliches aus dem Gespräch genommen und dazugelernt.

Ich atme durch, nehme die Entschuldigung an und sag ihm er soll mir konkrete Fragen per Mail schicken wenn er anderen Input brauche. Wenn er schon seine Diss in Google Farben anstreicht, dann will ich wenigstens wirklich etwas beigetragen haben.

Digitalkompetenz? (2. Teil)

Er schickt mir ein Diagramm. Digitalkompetenz wird da beschrieben als ein vierstufiges Schichtenmodell mit Businessleuten auf der einen und IT Fachleuten auf der anderen Seite. Und zwischen denen diffundieren nun die Kompetenzen, so die Vorstellung. Die ITler müssen also jetzt auch Verständnis für Kunden und Marketing aufbauen und die Nicht-ITler müssen wissen was eine Cloud ist… Salopp formuliert. Digitalkompetenz ist das was die Ebenen über dem für die reine IT Infrastruktur zuständigen Fachbereich haben. Die IT Infrastrukturler haben dann dem Modell nach Technikkompetenz. Hm… Naja.

Ich schicke ihm ein bißchen Input und ein paar Gedanken zu dem Modell an sich. Vor allem aber interessiert ihn welche Kompetenzen in jedem einzelnen Bereich meiner Meinung nach nötig seien und ich trage welche in eine Matrix ein. Als er mir antwortet, dass das diesmal klasse sei und geholfen hätte stelle ich fest, dass ich ihm das nicht mehr glaube und antworte ich stünde im November dann doch lieber nicht mehr zur Verfügung… Nicht weil ich immer noch sauer wäre sondern weil ich mich ehrlich gesagt gut fühlen möchte wenn ich jemandem helfe. Das geht aber nur wenn ich das „Hey, das hat geholfen, danke!“ auch glauben kann.

Abends erzähle ich meiner Familie davon und erkläre den Kids, dass wahrscheinlich jeder sich mal wie ein Arschloch verhält auch wenn er ein ganz netter ist. Ich auch, jeder. Deswegen bin ich dem Typen nicht sauer, aber noch mal helfen? Ne…

Das ist erstmal durch.

Ansonsten denke ich allerdings immer noch über „Digitalkompetenz“ nach.

Kompetent worin eigentlich?

Ich habe meine ganze berufliche Laufbahn in Unternehmen verbracht, die ihren Mitarbeiter volle Freiheit bei der Nutzung technischer Innovationen geben. Da möchte man meinen, dass die „Digitalkompetenz“ eigentlich sehr hoch sein sollte… Allerdings stelle ich trotzdem täglich fest, das Kollegen nicht mit EMail-Clients umgehen können, dass nur wenige Ahnung haben wie man gute Präsentationen baut und dass die Möglichkeiten von Excel&Co nicht zum Verständnis von Daten sondern zur Vermehrung von Datenmüll genutzt werden. Leute, die mich per Chat fragen ob ich ihre EMail schon gesehen habe, brauchen eigentlich einen Grundkurs in Online-Etikette und grundlegenden Softwareprodukten. Und dabei weiß ich durch Vergleich im Bekanntenkreis, dass es bei uns in der Tat besser ist als in vielen anderen Unternehmen. Meine Frau berichtete schon von Formbriefen, die in Excel geschrieben wurden und neulich erzählte mir ein Bekannter von e-Mails, die als PDF Anhang verschickt wurden. Brrrrrr.

Oft wird heute ganz selbstverständlich vorausgesetzt, dass die Leute mit Mailclient, Kalender, Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationssoftware umgehen können. Groupware, Chat und Videokonferenzsysteme kommen zunehmend auch zu diesem Kanon des digitalen Wissens. Aber kaum ein Bewerbungsverfahren prüft das und schon gar nicht werden Auffrischungskurse nahegelegt (wär ja noch schöner, ich weiß doch wie man mailt…). Die geneigten Leser mögen sich selbst mal fragen ob sie irgendwann schon mal eine Schulung in den genannten Produkten hatten und wenn ja, wie lange das schon zurück liegt. Und irgendwann mal aufgefrischt? Im Ernst: Es tut sich regelmäßig Neues, da gibt es Funktionen zu entdecken! Wir neigen aber dazu anzunehmen, dass jemand sich mit den genannten Werkzeugen auskennt sobald genug Zeit damit verbracht worden ist. Das Wissen scheint dann zeitlos zu sein, einmal Gelerntes bleibt gültig. Yey!

Unternehmen schicken Topmanager auf „Executive Leadership Seminare“ in denen sie lernen, dass Digitalkompetenz essentiell für „Innovation culture“ und „Disruption“ sei und dabei haben die selbst keinen Dunst wo in ihrem Mailclient die Rechtschreibkorrektur ausgelöst wird und dass man im Kalender verschiedene Farben einstellen kann… Von so fortgeschrittenen Funktionen wie BCC oder dem Unterschied von „Reply“ und „Reply All“ will ich gar nicht sprechen.

Heutzutage kann man ja schon froh sein wenn die Bildungselite ihr Telefon und dessen Freisprechanlage richtig bedienen kann…

Digitalkompetenz? Du mich auch.

Was wir brauchen ist kompetente Kommunikation, kompetente Selbstorganisation und Fantasie. Wenn dann noch Neugierde auf technische Möglichkeiten dazukommt, dann können wir konkurrenzlos die Welt aus den Angeln heben.

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4 Gedanken zu „Digitalkompetenz? Du mich auch.

  1. Ich musste nicht staunen, sondern einfach nur lachen beim überfliegen deines Artikels… Schon ziemlich dreist und auch etwas „dumm“ vom Interviewer. Aber klar… Google klingt gut. Ich persönlich hinterfrage eigentlich immer alles, was mit einem großen Namen „blenden“ will.

    Dein Fazit finde ich fast 100% passend. Nur fast, denn was „kompetent“ ist, liegt meiner Meinung nach immer zu sehr im Auge des Betrachters.
    Aber mit Fantasie und Neugier bin ich wieder 100% einverstanden 😉
    Na und vielleicht fehlt noch allgemein als Kompetenz der „netter Umgang miteinander“.

    Bleib hilfsbereit… Die Welt wäre besser, wenn alle hilfsbereit(er) wären.

    • Danke für die freundlichen Worte!
      Ich werde die Hilfsbereitschaft sicher nicht ablegen, allerdings werde ich beim nächsten Mal etwas mehr Aufwand rein stecken genau herauszufinden was mein Gegenüber braucht.

  2. Der Artikel ist schon älter und ich bin über deine Mini-Unterstützung per Twitter auf diesen Blog aufmerksam geworden.

    Ich fand die Geschichte sehr interessant und spannend. Dennoch bleibt für mich ein Nachgeschmack:

    Was ist digitale Kompetenz im Kern und ist diese wirklich erlernbar?

    Basiert sie nicht in Wirklichkeit auf einen Mix aus Mut, Neugier, Wertschätzung und Interesse an Kommunikation? Sind Werkzeuge, wie Slack, Trello & Co. nicht in Wirklichkeit zweitrangig bzw. finden automatisch Ihre Nutzer, wenn diese offen für Neues sind?

    Nur noch eines: Ich habe einmal den Fehler gemacht bei einem nicht beendeten Gespräch weiterzuhören. Dadurch wurde mir ein zuvor geschätzter Mensch zutiefst unsympathisch und ich fand mein Verhalten auch nicht gut. Daher lege ich ab jetzt konsequent auf.

    • Lieben Dank für Deinen Kommentar!
      Ist Digitalkompetenz erlernbar? Aber sicher doch! Kompetenz erwirbt man, so wie die Kompetenz Fahrrad zu fahren oder einen Motor zu konstruieren… Allerdings würde ich sagen, heutzutage haben fast alle Menschen qua Umstand einen gewissen Grad an „Digitalkompetenz“. Die Frage ist nun, welche Faktoren sind besonders wichtig und welche Lücken müssen ggf. geschlossen werden.

      Was die Werkzeuge angeht: Ich glaube Digitalkompetenz hängt genauso viel von grundsätzlichem Methodenwissen wie auch von der Herangehensweise des Einzelnen ab. Wenn das gegeben ist, braucht es aber auch Tools oder zumindest das Wissen um die Felder in denen Tools eine Hilfe sind. Wer einen Brief in Excel schreibt hat vielleicht Mut und Neugier, disqualifiziert sich aber bei Methodenwissen und grundsätzlicher Kenntnis der Möglichkeiten… Allerdings stimme ich absolut zu, dass die grundsätzliche Herangehensweise und Wissen um Strukturen wichtiger ist als Experte in einem speziellen Toolset zu sein. Wenn ich einmal verstanden habe wie man programmiert werde ich ggf. Programmiersprachen nach Bedarf lernen können. Wenn ich weiß wie Projektmanagement geht, ist es egal ob ich Trello, MSProject, Excel oder ein Blatt Papier nutze. Und wenn ich nicht kommunizieren kann, kann ich mir das alles sowieso schenken 🙂

      Abschließend noch ein Kommentar zum Auflegen: Ich war einfach nur zu langsam. Die Alternative wäre gewesen mein Bluetooth Headset von mir zu werfen als ich es nicht sofort bedient bekommen habe und dann war ich einfach Opfer meiner eigenen Neugier 🙂 In Rückschau gab mir das zumindest eine Gelegenheit nachzubessern aber ich hätte auch gerne darauf verzichtet.

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