Die Podcast-Nische

„Podcasts sind Radio 2.0, aber in Deutschland gibt es vielleicht 50-70000 Hörer“

Dieses Zitat ist vor Kurzem gefallen als ich mich mit dem Macher von Der Explikator, derzeit meinem unangefochtenen Lieblings-Podcast, über unser gemeinsames Medium unterhalten habe. Und in der Tat hört sich das in etwa richtig an.

In den USA hingegen erreichen Podcasts ein Millionen-Publikum. In meinem Podcatcher sind derzeit etwa die Hälfte meiner Casts aus dem englischsprachigen Raum, die andere Hälfte entstammen dem eigenen Kulturraum und inhaltlich sind da massive Unterschiede:

  • Der Großteil der deutschen Podcasts in meinem Catcher scheinen mir von Privatleuten produziert
  • Die kommerziell produzierten deutschen Podcasts sind wiederrum als Radiosendungen konzeptioniert und nur „zweitverwertet“.
  • Die US Casts sind in der Regel mit dem Aufwand solider Radioproduktionen erstellt, anders als bei den Deutschen Radiopodcast jedoch gezielt für die Verwendung als Podcast erstellt. Ja, es gibt sogar ganze Produktionsfirmen, die sich primär mit dem Erstellen von Podcasts beschäftigen. Startup beispielsweise ist ein Podcast, der Alex Blumberg dabei begleitet wie er eine solche Firma gründet und erzählt unter anderem seinen Weg hin zu einer 1,5 Millionen Finanzierung! Hierzulande ist man froh wenn die Community Tim Pritlove seine Bahncard finanziert
  • Ich kenne kaum Deutsche Podcasts, die Reportageformate mit ausgearbeiteten Erzählscripts anbieten, jedoch gleich mehrere US Casts dieser Machart. Beispiele: This American Live, Reply All, 99% Invisible, TED Radio Hour
  • Umgekehrt ist mir bisher noch kein Englischer „Laberpodcast“ nach der Machart des Psychotalks, der Freakshow oder gar der drei Vorgonen untergekommen. (Übrigens befinden sich zwei der drei genannten in meinem eigenen Catcher, aber mehr des Themas als des Formates wegen).

Dabei haben wir in Deutschland eigentlich tolle Voraussetzungen: Diverse Schlüsseltechnologien, eine aktive Szene, treue Hörer…

Bleibt die Frage warum wir immer noch „nur“ ein paar zehntausend Hörer haben. Ich habe ein paar Thesen:

  • Das Medium ist zu technisch und kompliziert. JEDER dem ich bisher das Medium nahegebracht habe benötigte zunächst eine grundsätzliche Einführung. Was ist ein Podcast, wie abonniere ich ihn, wie finde ich ihn, etc. Discovery & Handling ist ein Riesenproblem. Die US Casts machen das geschickter indem sie entweder auf proprietäre Kanäle setzen oder aber von den Radiosendern via ITunes gepushed werden. So wird gezielt das Publikum „geschult“ und nach und nach podcast-kompetent…
  • Die Inhalte: Es gibt ein gewisses Risiko bei einem ersten Test des Mediums ausgerechnet einen der vielen Technik-Laber-Podcasts zu geraten bei denen 2-5 Leute mit Billigheadsets vom Aldi zwei Stunden lang über das neueste Apple-Device reden. Das wirkt abschreckend. Ich glaube sehr daran, dass uns ein ganzes Genre fehlt oder doch zumindest stark unterrepräsentiert ist: Der Sach-Podcast mit echtem Storytelling und professioneller Audioproduction. Wer Interviews plant und Audioformate aktiv gestaltet hat am Ende einfach die schöneren Ergebnisse.
  • Medienbotschafter: In Deutschland ist der Podcast eine in sich abgeschlossene Nische. Ein weiteres Zitat war übrigens: „Nirgendwo gibt es Podcastertreffen wie in Deutschland. Aber wenn Du da hingehst stellst Du fest, dass das auch gleichzeitig die Hörerschaft ist. Wir hören unsere Casts gegenseitig und produzieren dafür auch.“
    Ich glaube, das legt den Finger ziemlich auf die Wunde und erklärt gleichzeitig die treue Fangemeinde in Deutschland und auch viele der inhaltlichen Beobachtungen. Wir sind eine eingeschworene Szene und wir pflegen unsere Macken. Dadurch wird das Ergebnis aber nicht massentauglich und schon gar nicht bekannter. Was aber helfen könnte wären Leute mit hohem Bekanntheitsgrad, die das Medium popularisieren. Nehmen wir einen bekannten Moderator, der ein solches Format startet oder einen Autor. Ich bin mir sicher eine derartige Figur könnte Großes für die Szene bewirken. Allein man müsste ihm einen Grund liefern… ohje… ich wittere ein Henne-Ei-Problem.

hm…

Habe ich nun ein Fazit? Leider nicht. Ich weiß, ich wünschte mir mehr Inhalte in Deutschland nach der Machart vieler US Casts. Allerdings habe ich selbst weder die fachlichen noch die technischen Möglichkeiten und im Übrigen auch nicht die finanziellen Mittel dazu. Damit bin ich vermutlich in guter Gesellschaft aller anderen Podcaster meiner Lieblings-Medien-Nische.

Ich weiß, ich hätte gerne große spannende Produktionen, aber vermutlich würden die auch nach und nach die kleineren, charmanten Projekte verdrängen. Und last but not least wünschte ich Labercasts hätten im Gesamtangebot einen deutlich geringeren Anteil, denn meiner Vermutung nach hören nur Fans freiwillig mehrere Stunden lang Kneipengesprächen zu und in Summe haben solche Casts für den radio-gewöhnten Ersthörer eine abschreckende Wirkung. Ich selbst bin aber nicht viel besser, denn im Grunde ist auch mein eigener Cast Das Ferngespräch nichts anderes als ein mittelgut aufgemachter Labercast…

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