Mit Podcasting Geld verdienen

Ob man mit Podcasting Geld verdienen kann wird in der hiesigen Podcasting Szene immer wieder heiß diskutiert wobei besonders gerne der Vergleich mit der US Szene oder den erfolgreichen Vertretern hierzulande angestrengt wird. Ich glaube aber, meistens geht die Diskussion am Thema vorbei bzw. wir sollten uns mal über Mehrwert unterhalten…

Ein kleines Beben ging dieser Tage durch meine schnuckelige Filterblase als Sebastian Bartoschek erklärte, dass er einige seiner Projekte in Zukunft hinter eine Paywall packen würde, es sei denn die Hörer würden sich aufraffen ihm mindestens 110$ monatliche Spende bei Patreon zukommen zu lassen.

Derart frontal aufgefordert bewegten sich dann doch immerhin 13 Hörer. Der so zusammen gekommene Betrag war aber natürlich deutlich niedriger als das geforderte Lösegeld und so ist Bartocast nun nur noch für eben diese zahlenden Kunden hörbar. Weitere Projekte sollen folgen. Gewonnen haben nur diese 13 etwas, nämlich Exklusivität und Sebastian, der hat etwas verloren, nämlich seine angeblich vorhandene Hörerschaft. Die Hörer? Naja, hätten die das Gefühl etwas verloren zu haben, dann würden sie ja zahlen, oder?

Wofür man ihm aber dankbar sein muß ist die dadurch in Gang gesetzte Diskussion. Die Frage nämlich, wie man Geld mit Podcasts verdienen kann, ist ja durchaus immer wieder aktuell und berechtigt. Besonders in Deutschland scheint das ein Problem zu sein, denn nur wenige bekannte Beispiele können von sich behaupten ihren Lebensunterhalt mit der Produktion von Podcasts bestreiten zu können…

Ich möchte mich jetzt auch mal dem Thema nähern und zwar indem ich drei Aspekte herausarbeite: Den „abschöpfbaren“ Wert von Podcasts, wie der zusammengesetzt ist und über welche Geschäftsmodelle das möglich ist. Zum Schluß ende ich dann mit einer mehr oder minder steilen These, die vielleicht nicht jeder gut finden wird (das wird mir die Reaktion zeigen).

Der Wert von Podcasts

Podcasts sind ein nicht wegzudiskutierender Bestandteil der Medienlandschaft. Laut der ARD-ZDF Onlinestudie hören immerhin 13% Podcasts und 15% hören zeitversetzt Radioprogramme und im Jahr 2013 (ich konnte keine neueren Zahlen finden ohne Geld dafür auszugeben) gab es 3,4 Millionen Käufer für Hörbücher. Nennen wir all diese Leute ruhig „audio-affin“ und ich stelle mal die Vermutung auf, sie wären dem Medium Podcast gegenüber entweder positiv eingestellt oder eben schon Teil der Hörerschaft.

Wir haben also einen Markt und auf diesem Markt wird auch Geld bewegt. Die genannten Radiosendungen werden schließlich schon heute entweder durch GEZ Gebühren oder per Werbung monetarisiert. Das können sie deswegen weil sich die Hörerschaft von beliebigen Sendungen im Radio an schlechten Tagen und zu Nebenzeiten immer noch in den zehntausenden bewegt. Hörbücher werden in der Regel direkt angeboten und gekauft.

Podcasts sind in diesem Bild schon allein deswegen eine brotlose Kunst weil der Markt momentan bereits verteilt ist, incl. Marktzugang und Zahlungswesen. Weder bei Audiobüchern, noch bei Radioprogrammen besteht irgendeine Unklarheit über Angebot und Bezahlmethoden. Außerdem ist ein Qualitätsstandard gesetzt, man weiß als Konsument was zu erwarten ist.

Besteht man darauf, den Wert von Podcast Produktionen in diesem Licht zu beschreiben und rein monetär auszudrücken, dann lässt sich Folgendes beobachten:

  • Es gibt keinen gesetzten Qualitätsstandard. Es lassen sich Podcasts auf dem ganzen Spektrum von grottenschlecht bis brilliant finden und das nicht nur inhaltlich sondern auch bezogen auf die reine technische Qualität. Das ist ein Problem wenn es an die Monetarisierung geht: Ein Katalog wie Audible ihn bietet lässt sich so kaum aufbauen, eine Mediathek nach dem Muster großer Medienhäuser ebensowenig.
  • Ich bin mir nicht sicher ob es ein noch schwieriger zugängliches Medium gibt als Podcasts. Verglichen mit Radio und Hörbüchern erfordert das Podcastuniversum vom Hörer einiges an Einarbeitung, wir verlangen also Investition (Zeit, Lernaufwand) von unseren Hörern und zwar mehr als die genannten anderen Medien.
  • Und die Bezahlung? Für Radio zahle ich nach der GEZ nichts mehr, auch die Werbemonetarisierung ist für den Konsumenten barrierefrei, Audible nimmt einmalig meine Kreditkarte und gut…
    Bei Podcasts hingegen: Affiliate Links (gehe auf die Seite, folge dem Link), PayPal (braucht einen Account), Flattr (braucht auch einen Account), Patreon (was war das noch gleich?), …

Wir machen es unseren Hörern also auf allen Fronten schwer.

Aber mal angenommen, wir haben all diese Hürden genommen: Wir haben Hörer, die wissen wie sie uns bezahlen können. Ab hier können wir dann doch über den Wert des Podcasts reden, oder? Fast. Eigentlich reden wir da ja nicht über den Wert des Podcasts sondern über den der Hörer, oder? Wir fragen uns: Wie viel Geld lässt sich aus den Menschen „gewinnen“, die unserem Format folgen… Und genau diese Denke ist meiner Meinung nach zu kurz gesprungen. Denn der Wert, den ein Podcast bietet lässt sich in mehr ausdrücken als liquiden Mitteln. Und ich möchte gerne den Mehrwert in zwei Richtungen ausdrücken, nämlich für den Hörer und für den Podcaster…

Für den Hörer:

  • Der Wert des Inhalts: Bietet der Podcast inhaltlich etwas, das einen Mehrwert gegenüber anderen Formaten darstellt?
  • Der Produktionswert: Ist der Inhalt auf eine unterhaltsame, interessante, besonders zugängliche oder originelle Art aufbereitet?
  • Die Zugänglichkeit: Bietet mir der Podcast zusätzliche Services/Inhalte (z.B. Shownotes oder weitere Materialien, etwa Videos etc.)?

Für den Podcaster:

  • Branding: Ein Podcast ist ein sehr persönliches Medium und dazu geeignet, seinen Host als Experte in einem Themenfeld zu positionieren oder andere Eigenschaften zu betonen, die man im Marketing als Branding bezeichnen würde. Branding ist für sich genommen bereits bares Geld wert, kann es doch zu Aufträgen, Marktzugang etc. führen…
  • Aktivierbare Hörerschar: Podcasthörer sind loyal und hören aktiv zu. Je mehr Menschen zu dieser Community zählen, desto mehr Hebel hat man durch eine direkte Ansprache. Es gibt wenig, das so wertvoll (und ja, auch monetarisierbar) ist wie diese Aufmerksamkeit. Wenn ich etwas zu sagen habe, dann sind aktive Hörer der vielleicht wichtigste Aspekt einer Wertkalkulation.
  • Resonanzraum: Das Feedback, das Hörer geben wird oft unterschätzt. Dieser Aspekt geht Hand in Hand mit dem vorgenannten, zielt aber auf die Entwicklung von Inhalten, Produkten etc. oder auch persönlicher Entwicklung. Podcasthörer sind eine sehr aufgeschlossene, überdurchschnittlich gebildete Community. Feedback aus diesen Reihen ist Gold wert…

Der Wert von Podcasts setzt sich aus all diesen Elementen zusammen und der Wert muss für alle Beteiligten ausgeglichen sein damit der Kuchen anwächst. Jeder der genannten Aspekte ist bares Geld wert. Es ist eine Frage des Produzenten ob er versucht Geld zu gewinnen und wo er das dann investieren will. Und das bringt mich zu einem Blick auf mögliche

Geschäftsmodelle für Podcaster

Zunächst sei eines gesagt: Man kann ein erfolgreicher Podcaster sein ohne auch nur einen Cent einzunehmen. Wenn nämlich der Wert hauptsächlich darin besteht, viele Menschen zu erreichen oder in der persönlichen Entwicklung liegt, dann mag Geld vielleicht nie oder nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Hier geht es aber jetzt um Geschäftsmodelle und das definiere ich jetzt der Einfachheit als den Versuch, Podcasts zur Geldgewinnung einzusetzen. Wenn man Geld ins Spiel bringt, dann muss man sich selbst zuerst die Frage stellen, was das Ziel des Ganzen ist: Es macht einen Unterschied ob man laufende Kosten senken, Investitionen tätigen oder seinen Lebensunterhalt damit sichern will.

Die zweite Frage ist dann: Was soll verkauft werden und an wen? Denn das ist die Frage die ein Geschäftsmodell letztlich beantwortet: Produkt, Kunde, wie sollen beide zueinander finden?

Das Produkt muß etwas sein, das einen Mehrwert stiftet und einen Preis haben kann. Für Podcaster sind das folgende Elemente:

  • 1: Der Inhalt des Podcasts
    Das einfachste Modell: Man verkauft den Inhalt direkt. In der extremsten Form packt man alles hinter eine Paywall, man kann aber auch alte Folgen gebündelt anbieten oder auch nur freiwillige Teilzahlungen via Patreon und Flattr nehmen. Das ist das derzeit etablierte Modell in der Szene. Auch gezieltes Crowdsourcing fällt hier rein.
  • 2: Ein mit dem Podcast in Zusammenhang stehender Inhalt/Service
    Exklusiv Content, Texte, Lehrmaterialien, Trainings… Die Liste kann beliebig lang werden. Mein Lieblingsbeispiel für ein solches Modell ist der Slow German Podcast von Annik Rubens. Sie richtet sich an Deutsch-Lerner. Der Podcast selbst ist kostenlos, aber Vokabellisten etc. gibt es nur für Abonnenten.
  • 3: Die Hörer
    Wer hofft mit Werbung sein Geld zu machen, der verkauft letztlich den Zugang zu den Hörern. Egal ob nun Sponsorships oder Werbung auf der Webseite, beides funktioniert nur wenn es genug Hörer gibt. Dabei muss die Zahl gar nicht besonders groß sein, vielmehr ist es wichtig den richtigen Sponsor zu finden. Ich tue mich mit Werbung in Podcasts ehrlich gesagt eher schwer, aber es ist ein legitimes Modell. In den USA ist das auch das dominante Monetarisierungs-Modell was sicherlich unter anderem daran liegt, dass dort keine GEZ existiert und deswegen alle Medienproduzenten schon sehr lange die Monetarisierung über Werbepartner suchen…
  • 4: Der Podcaster selbst
    Mancher Podcast dient der Kundenacquise oder dem Aufbau von persönlichem Marktwert. Monetarisiert man dann über Auftragsarbeiten oder Leads, die direkt aus dem Podcast generiert werden, dann setzt man sich selbst als „Produkt“ ein. Oder noch direkter: Wer sich etwa von seinem Arbeitgeber bezahlen lässt um einen Podcast zu produzieren verkauft auch sich selbst und seine Expertise…
  • 5: Produkte, die nicht direkt mit dem Podcast in Zusammenhang stehen
    Mancher Podcast dient dazu, Kunden anzuziehen, die dann ein Newsletter abonnieren, eine Seite besuchen um dort dann eBooks, Kurse etc. zu kaufen. Eigentlich ist es eine Form des Hörer-Verkaufens, nur dass der Gewinn schließlich irgendwann über mehr oder weniger virtuelle separate Inhalte gemacht wird. Praktisch alle sogenannten Business-Podcasts, die ich bisher gefunden haben versuchen das. Man abonniert einen Podcast über Zeitmanagement, der einen auf die Seite zum Projekt lotst und auffordert, das Newsletter zu abonnieren… Hier wird dann irgendwann z.B. ein e-Book angeboten wie man seinen eigenen Podcast produziert oder eines über passives Einkommen etc…
  • 6: Stiftungen/Förderungen
    Wer es schafft, die Kriterien für einen Fördertopf zu erfüllen und etwa als Kulturgut gefördert zu werden, fällt in diese Kategorie. Der Unterschied zu klassischen Sponsorships ist für mich, dass dann die Hörerschaft sekundär wird. Es geht um den Podcast als Medienprodukt.

Alle diese Modelle haben jedenfalls etwas gemeinsam: Es muss ein „verkaufbarer“ Wert existieren. Der will geschaffen werden. Aus dem investierten Aufwand, der Qualität des Produkts, der Originalität und dem Bedarf am Markt ergibt sich dann ein erzielbarer Preis. Und genau das bringt mich zum letzten Teil dieses Artikels…

Mit Podcasting Geld verdienen (und eine These zum Abschluss)

Schauen wir uns die Podcaster in Deutschland an, die bekanntermaßen Geld mit Ihrer Arbeit verdienen, dann glaube ich ein paar Muster zu erkennen… Aber ich will nicht vorgreifen sondern erst mal ein paar Beispiele bringen:

Tim Pritlove: Tim ist Betreiber der Metaebene und verdient seine Brötchen überwiegend durch Modell 1 (Inhalt) und zum Teil auch durch Auftragsarbeiten/andere Produktionen (Modell 4). Dabei ist der Content zunächst einmal frei verfügbar und seine Hörer beteiligen sich via Flattr und Amazon Geschenke oder direkte Spenden. Er hält einen weiten Abstand von allem was seine Hörer verkauft und vertritt eine sehr reine Ethik was das angeht. Er ist ein hochproduktiver Podcaster. Seine Podcasts haben allesamt ein sauberes inhaltliches Konzept, sind technisch auf Radioniveau produziert und bieten unterschiedlichen Mehrwert, meist mit Bildungsanspruch. Kurz gesagt: Tim „verkauft“ Premium-Content, viel davon. Er selbst dürfte aus seinen Produktionen aber fast noch mehr Wert in Form von Brandvalue bekommen als er direkt per Flattr & co einnimmt. In Deutschland kann man an Tim nicht vorbei wenn man sich mit Podcasts beschäftigt und er ist eine international bekannte Figur.

Radio Nukular: Die Jungs von Radio Nukular nehmen inzwischen monatlich über 3000$ durch Patreon ein. Sie verkaufen dabei in erster Linie thematisch auf Mainstream Hörer ausgelegtes Entertainment. Die Inhalte finden manche lustig, die Produktionsqualität ist hoch. Via Affiliate Links und Werbung monetarisieren die Jungs auch ihre Hörer (von denen es inzwischen stolze Zahlen geben dürfte) und verkaufen zusätzlichen Content (etwa auch in Form von bezahlten Live Shows). Last but not least haben sie separate Produkte wie etwa Fanartikel. Radio Nukular monetarisieren auf allen Ebenen.

Annik Rubens: Annik kann von ihren Podcast eigenen Aussagen nach bisher nicht leben, aber sie verdient ein angenehmes Zubrot. Speziell bei Slow German wählt sie dafür die Form des Premium-Contents und lässt sich damit für Zusatzinhalte bezahlen. Man kann Annik natürlich auch für journalistische Arbeit buchen. Annik investiert einen kompletten Tag pro Woche in ihre Podcasting Arbeit und produziert inhaltlich wie technisch hochwertige Formate.

Alexander Waschkau: Alexander macht eine ganze Reihe angesehener Podcasts. Man kennt ihn von Hoaxilla, vom Psychotalk, aus Schall und Rauch oder von der Glaubenssache. Jedes dieser Formate hat eine hohe technische Qualität und die drei Wissens-lastigen Formate sind inhaltlich hochwertig aufbereitet. Die Monetarisierung von Alexander ist vielschichtig. Er setzt auf seine Hörer indem er ein Sponsorship-Angebot von Audible angenommen hat und damit auch auf Affiliate Umsätze hoffen dürfte. Außerdem schreibt er Bücher, produziert Videoformate und unterhält ein Subscription Modell mit Premium Inhalten. Last not least monetarisiert er Inhalte über Patreon und Flattr. Trotz all dieser Standbeine kann er eigenen Aussagen nach längst noch nicht davon leben.

Diese Beispiele sollen zeigen wie die Mischungen aussehen mit denen Podcaster hierzulande versuchen Geld zu verdienen. Was allerdings auch ziemlich offensichtlich ist: Es funktioniert in der Regel nicht in dem Umfang, den sich manche wünschen würden. Woran kann das liegen? Es ist wie so oft vielschichtig (aber ich habe einen Favorit):

  • Hörer: Mit sehr wenigen Ausnahmen haben Podcasts hierzulande zu wenig Hörer. Wir haben ein Discovery-Problem und machen es den Leuten extra schwer. Klar ist: Wer 500 Hörer pro Episode hat, kann nicht darauf hoffen tausende Euro durch Werbung zu verdienen.
  • Inhalte: Du produzierst einen Podcast in dem Du über die Themen sprichst, die gerade so anliegen, etwa Filme… Tagesgeschehen… Technik? Gut für Dich, sicherlich auch gut für Deine Fans, aber das ist kein Inhalt, der Geld wert ist, denn Du stehst in Konkurrenz mit HUNDERTEN Angeboten, die denselben Inhalt in hochwertiger produzieren. Bevor man also monetarisieren will, muss ein Inhalt her, der wirklich Geld wert ist. In Startup-Sprech nennt sich das Product-Market-Fit.
  • Qualität: Nicolas Semak hat sich vor einiger Zeit einmal kontrovers dazu geäußert wie es um die inhaltliche und technische Qualität in Deutschlands Podcasts bestellt ist. Die Warheit ist: Er hat nicht ganz unrecht. Immer wenn Podcaster hierzulande auf die US Podcastszene deuten und jammern weil die erfolgreiche Formate auf den Markt bringen und manchmal geradezu obszönes Geld mit Werbung verdienen weise ich auf den Aufwand hin, der da investiert wird. Während in Deutschland in der Regel alles aus einer Hand als Hobby produziert wird, sind das in den USA ganze Teams mit Spezialisten für das Schreiben, die Aufnahme, die Nachbearbeitung, etc… Es wird Marketing gemacht, Wochen an Arbeit werden in 30 Minuten Produktionen investiert… Das muss man jetzt nicht unbedingt nachmachen, aber wenn wir eine Wertrechnung aufmachen und über Geschäftsmodelle nachdenken, dann sollten wir auch den Aufwand mit einbeziehen.

Mein Fazit: Die Diskussion um die Monetarisierung von Podcasts geht am Punkt vorbei… Erstens wird sie gerne auf Bargeld reduziert und vergisst dabei all die anderen Aspekte. Zweitens verwechseln Podcaster gerne ihre existierenden Hörerzahlen mit einem Beweis dafür, dass sie etwas produzieren, das konkurrenzfähig ist. Nur vergessen sie dabei, dass die bereits existierenden Hörer auch schon Kunden sind. Allerdings bezahlen sie bisher ausschließlich mit Aufmerksamkeit und Aufwand, nicht mit Geld. Wenn nun ein Preis eingeführt wird, verliert man Kunden, denn man erhöht bei gleichbleibendem Angebot die Gesamtkosten. So simpel ist das. Bleibt es eine freiwillige Abgabe, dann kann man evtl. ein paar Cent einnehmen, darf aber nicht mit großen Beträgen rechnen. Nur die Podcaster mit großen Hörerzahlen kommen damit auf brauchbare Summen. Letztlich ist unsere Unfähigkeit mit Podcasts Geld zu verdienen nur durch einen Punkt zu erklären:

Wir produzieren derzeit kaum etwas konkurrenzfähiges für das unsere Hörer bereit sind zusätzlich Aufwand und Geld zu investieren. Um Geld zu verdienen, müssen wir also entweder den Aufwand senken, den wir unseren Hörern abverlangen, oder wir erhöhen die Qualität unserer Produktionen, sonst wird das nichts. 

Oder so: Wer professionell bezahlt werden will, muss auch professionelle Produkte liefern und für den Markt statt für sich selbst produzieren. Nur wenige in unserer Szene tun das derzeit. Wir produzieren für uns selbst, was auch toll ist (ich mache das selbst), aber dann dürfen wir uns auch nicht beschweren wenn der Geldregen ausbleibt…

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Ist die Welt denn verrückt geworden?

Dinge, die mich dieser Tage bedrücken:

  • Täglich brennende Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland und Übergriffe. Warum nennt das trotzdem niemand Terrorismus?
  • Ein Anschlag in Frankreich der prompt mit Bomben beantwortet wird.
  • Politiker, die hierzulande danach rufen Familiennachzug zu begrenzen. Ich frage mich, wie die Herrschaften mit ihren eigenen Familien verfahren würden wenn sie zur Flucht gezwungen wären…
  • Zäune und Grenzschließungen in eine Kontinent, der behauptet freiheitsliebend zu sein.
  • US Governors, die nichts besseres zu tun haben als öffentlich kund zu tun sie würden keine syrischen Flüchtlinge aufnehmen um keine Gefährder ins Land zu lassen. Das nennt man Sippenhaft, oder? Hunderttausende dem Tod überlassen um sich vor ein paar Dutzend zu schützen? Und das in einem Land in dem mehr Waffen legal gelagert sind als Einwohner…
  • Ignoranz gegenüber den vielen, vielen Distanzierungen der arabischen Welt aber immer weniger öffentlicher Widerstand gegen tausende regelmäßig marschierende Xenophobe…
  • Milliarden, die dafür ausgegeben werden Menschen zu töten und Länder in die Steinzeit zu bomben statt die selben Milliarden zu verwenden sie aufzubauen.
  • Unkommentiert gesendete Fernsehauftritte von Politikern wie de Maizière bei denen offensichtliche Dummheiten gesagt werden.
  • Angebliche Leitkulturen in denen ganz offensichtlich Vollhorste wie Donald Trump eine echte Chance auf hohe Ämter haben. (Oh, Donald Trump’s Statement zu den Anschlägen in Paris? Logisch: Wenn in Frankreich Waffen so verbreitet wären wie in den USA, wäre das nicht passiert… Ernsthaft.)
  • Ausnahmezustände, die verhängt werden.
  • Sicherheitsgesetze, die verschärft werden.
  • Länder, die sich abschotten und sämtliche Kommunikation überwachen.
  • Länder, die diese Kommunikation als Grundlage für Strafverfahren verwenden.
  • Länder, die einen Index einführen mit dem Dein Status und Karrierechancen daran bemessen werden wie systemkonform die Leute mit denen Du vernetzt bist agieren.
  • Vom Westen finanzierte Gefangenen-, Flüchtlings- und Auffanglager an den Grenzen in denen – jawohl – Menschen einfach so eingesperrt, verhört oder schlicht sich selbst überlassen werden können.
  • Filme wie „The Hunger Games“, die immer mehr nach Realsatire als nach Science Fiction aussehen.

Ja, ich glaube die Welt ist verrückt geworden. Vielleicht war sie es auch eigentlich schon immer.

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Weinen, dann wirklich wütend werden. Auch auf Euch.

Internet, wir müssen reden…

Ein Bild schaffte es heute mit einem Schlag meine Fassung zu zerstören. Ich hatte ein Meeting mit einem Kollegen. Er ging kurz auf Toilette, ich blickte kurz auf mein Handy, Facebook. Als er drei Minuten später wieder im Raum stand, war unübersehbar, dass mir spontan die Tränen gekommen waren.

Wie kann ein Vater, ein Mensch nicht weinen wenn er ein Kind sieht, das einen so sinnlosen Tod hinter sich hat?

Und dann, ja dann wurde ich unsagbar wütend. Natürlich auf die Idioten, die sich zu dem Bild zynisch äußern würden. Auf die Verbrecher, die in Syrien Krieg gegen die Bevölkerung führen, auf unsere Politiker, die in ihrer Flüchtlingspolitik versagen…

Aber auch besonders auf Dich, Internet. Auf Dich war ich besonders wütend.

Denn eines ist klar: Bilder von Leichen, auch wenn es Kinderleichen sind, ändern leider gar nichts. Die einen, die helfen wollen, werden bis ins Mark erschüttert, die anderen werden das Bild als Untermalung ihrer zynischen Meinung nutzen und übrig bleiben all jene, die keine Wahl haben: Eltern von ertrunkenen Kindern, die plötzlich ungebeten daran erinnert werden. Flüchtlinge, die ihrem Leid zwischen den Nachrichten ihrer Freunde auf Facebook präsentiert bekommen, Kinder, die eigentlich anderes präsentiert bekommen sollten…

Schließlich werden diese Bilder dann noch als Clickbait benutzt, aus dem Kontext gerissen und immer wieder aufgegossen. Leute, es reicht jetzt.

Wir verhalten uns wie Unfallgaffer auf der Autobahn, kollektiv bohren wir mit unserer Zunge in der frisch aufgerissenen metaphorischen Kiefer-OP-Wunde.

Es wird Zeit, dass wir unseren Anstand wieder finden, wir alle. Diejenigen, die meinen anonym sind menschenverachtende Witze ok, diejenigen welche glauben, ihre politische Meinung wird nur gehört wenn sie ins Extrem gedreht wird, diejenigen unter Euch, die ihre Mitschüler durch den Kakao ziehen und darüber lachen, und – ja, die auch – die eigentlich alles immer nur gut meinenden Menschen, die mit Unaussprechlichkeiten im Netz herumtösen statt ihren – entschuldigt die Ausdrucksweise – Arsch von der Couch zu heben und ganz praktisch im echten Leben Stellung zu beziehen.

Ihr seid es nämlich auch, die uns alle systematisch abstumpfen. Wenn jede Welle nur noch von Schlimmeren übertrumpft werden kann… Wohin soll das führen?

So. Rant over. Erst einmal wenigstens.

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Willkommen in Deutschland!

„Das Boot ist voll, wir müssen gegen den Asylbetrug und die Wirtschaftsflüchtline vorgehen. Wer wirklich bedroht ist, dem gewähren wir gerne Asyl, alle anderen sollen schnell wieder abgeschoben werden.“ – Schon mal gehört?

Da wabern Shitstorms durch das Social Web, Politiker üben sich in kaum versteckter geistigen Brandstiftung und besorgte Bürger sorgen dafür, dass Menschen, die nicht hier geboren wurden, kaum noch auf die Straße gehen wollen. Implizit gibt es im öffentlichen Diskurs eine Art Reihenfolge und Einstufung. Da gibt es „gute“ und „schlechte“ Ausländer. Die „guten“ sind die Einwanderer, die hierher ziehen um hier in hochqualifizierten Jobs zu arbeiten, dann kommen Flüchtlinge, die zuerst hier ankommen (kaum einer), dann kommen hier geborene Menschen mit Migrationshintergrund…  Ganz übel hingegen sind Asylbetrüger (wie geht das eigentlich, Asylbetrug?) und Wirtschaftsflüchtlinge. Pfui. Die wollen doch nur unsere tollen Sozialleistungen abgreifen und faul rumhängen!

Der Deutsche Michel kann zwischen all denen nicht unterscheiden, sind ja alles irgendwie Ausländer. Wenn die dann noch dem Islam anhängen, dann fühlt er sich obendrein in kultureller Identität und durch die islamisch-terroristischen Brutzellen bedroht. Brrrrrr.

Mir wird da immer ganz anders.

Jenen, die den Verlust ihrer Heimat, Kultur und Identität an Einwanderer befürchten will ich die Frage stellen ob ihre Kinder heute noch dieselben Dinge tun und die selbe Sprache sprechen wie die Jugend vor 30 Jahren? Nein? Ist das nicht auch Verlust von Heimat, Kultur und Identität?
Ich lade ein zu einer Reise in den Schwarzwald, das Erzgebirge oder den Bayrischen Wald. Unterhaltet Euch dort mit den Senioren und überlegt Euch wie viel sich seither verändert hat… Allein zwischen zwei Dörfern in Bayern zu wechseln sollte auch schon deutlich vor Augen führen, dass es „die Heimat“ so eigentlich gar nicht gibt. Kultur oder Identität sind Konstruktionen der Beteiligten. Anderes Personal + Anderer Ort = andere Heimat, Kultur, Identität. So einfach ist das tatsächlich.

Jenen, die Überfremdung befürchten, will ich die Frage stellen woher sie selbst denn ihrer Meinung nach stammen und warum sie sich nicht fremd fühlen? Überfremdung impliziert ja „das Fremde“. Dem kann man begegnen indem man sich kennenlernt um Gemeinsamkeiten zu entdecken. Ein aufgenommener Fremder wird sich der neuen Umgebung anpassen, die neue Umgebung wird Interessante Ideen übernehmen und gemeinsam entsteht etwas Neues. Das ist seit Jahrtausenden so. Warum meinen wir heute, die Dinge wären weniger in Bewegung oder sollten es weniger sein? Wir alle waren irgendwann Einwanderer.

Heimatverlust und Überfremdung sind überhaupt seltsame Konzepte. Letztlich definiert sich diese Heimat und das Vertraute durch zwei Parameter: Wo waren meine Eltern zum Zeitpunkt meiner Geburt und in welcher Umgebung zogen sie mich auf. Woher nehmen wir eigentlich das Recht, ein Land in das man streng genommen selbst eingewandert und eingeboren wurde anderen vorzuenthalten?

Bleibt noch die letzte Angst: „Die“ könnten „uns“ irgend etwas wegnehmen, zu viele Kosten verursachen, unseren Wohlstand aufbrauchen…
Newsflash: Würden wir diese Menschen mit offenen Armen empfangen, ihnen helfen und eine echte Chance einräumen hier ihr eigenes Glück zu versuchen, dann entstünden auch weniger Kosten. Lasst Menschen, die hier sein wollen bei uns leben, arbeiten und lieben! Sie werden uns bereichern und beitragen und Deutschland als ihre Heimat ansehen. Je mehr wir uns mischen, desto weniger fremd und bedrohlich sind „die anderen“.

Wir müssten uns dafür umgekehrt nicht irgendwann von unseren Enkeln fragen lassen, warum wir lieber Abschiebelager gebaut haben, Menschen auf der Straße beschimpften, Asylbewerberunterkünfte mit braunem Terror überzogen und Menschen im Mittelmeer ertrinken ließen als den Reichtum zu teilen und mit allen zusammen eine schönere Heimat schafften…

Es sollte selbstverständlich sein, hierher kommende Menschen aufzunehmen.
Wir sollten ihnen Hilfe, Heim und Arbeit geben, no questions asked.

 

 

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Code is not Poetry

Dieser Blogpost wurde inspiriert von dem Vortrag „Code is not poetry„, den Markus Tacker auf dem WebMontag Frankfurt gehalten hat.

Schon seit meiner Teenagerzeit liebe ich Technologie. Meine Laufbahn brachte mich mit rund 15 Programmiersprachen auf Tuchfühlung. Ich liebe Gadgets aller Art, Programmierung und besonders die Techszene in all ihren Ausprägungen. Genau diese Begeisterung spülte mich auch zielsicher immer wieder an die Stellen großer Unternehmen an denen man mit eben dieser Szene eng zusammenarbeiten darf.

Mein Selbstverständnis was mein „Entwicklertum“ anging, durchlief dabei mehrere Phasen:

1. Code als Zauberei: Ganz am Anfang stand zumindest bei mir hemmungslose Faszination sobald der Rechner tat wie ihm geheißen. Außerdem kam das mit einem Gefühl der Macht, wenn es tatsächlich das war, was ich mir überlegt hatte… Die Möglichkeiten schienen grenzenlos. Außerdem verstand nicht jeder was ich da tat, es war also eine Art Geheimwissenschaft, speziell für die Erwachsenen um mich herum geradezu obskur 🙂 Nachdem ich selbst auch oft nicht verstand wie alles zusammenhing, war auch so manches ein Taschenspielertrick was ich als großes Ergebnis feierte.

2. Code als Geheimwissenschaft: Ich erinnere mich noch deutlich daran wie ich als Teenager mit 14 dachte jetzt alles verstanden zu haben als ich meine ersten Assemblerprogramme bastelte (das Gefühl hielt allerdings nicht lange an). Später dann, als ich in erster Linie in Message-boards rumhing und mir mit meinem wenigen Wissen groß vorkam, hielt ich mich für eine Art Hacker in Ausbildung (auch nicht lange). Der Schlüssel war die Annahme, das Code wie eine Art Geheimschrift für Außenstehende war und das Wissen nicht leicht zugänglich. Es kostet Aufwand um gut zu werden und anfangs war ich mir sicher, entweder eine Laufbahn als Hacker oder Spieleentwickler vor mir zu haben. Was sonst? 

3. Code als Kunst: Mit meinen ersten echten Programmen schließlich war mir klar: Programmieren ist eine Art Kunst. Ich meinte in dem kreativen Schaffensakt und meiner Liebe zu schönem Code mehr zu erkennen als pure Technik. Die Kreativität, der Kennerblick mit dem man schöne Lösungen erkannte, die Eleganz der Umsetzung… Programmieren kann großartig sein, wenn man „in the zone“ ist und manches mal wird es fast schon zum Selbstzweck.

Und genau diese Stufe auf der Code als Kunstform empfunden wird, pflegen und hegen die meisten Entwickler. Wir sind schon ein besonderes Völkchen und unsere Werke sind doch sicher nicht mit den Werkstücken eines Schreiners oder Klemptners vergleichbar, oder?

Aber mal ehrlich: eCommerce Webseiten? Abnehm-Apps? Fahrstuhlsteuerungen? Fitnessplan-Assistenten? RSS Reader? Grafiktreiber? Navigationssysteme? Soll das wirklich alles Kunst sein? Uhm… Auch die oft zitierten Spieleentwickler, die als Endausbaustufe des kreativen Entwicklers gelten, sind weit von Kunst entfernt. Oder glaubt hier irgendjemand, dass es sich kunstvoll anfühlt den Bundesliga Manager 2015 zu programmieren nachdem man schon am Bundesligamanager 2014 und dem BLM 2012 mitgearbeitet hat?

Insgesamt glaube ich, wir übersehen einen wichtigen Aspekt wenn wir Code als Kunstform und uns selbst als Künstler ansehen: Code ist für sich genommen wertlos. Code allein sieht noch nicht mal gut aus. Erst wenn Code auf eine ausführende Plattform und einen Benutzer trifft fängt die Sache an spannend zu werden. Wenn unser Code dann noch einen Zweck besonders gut erfüllt, haben wir überhaupt etwas erreicht…

Kunstwerke sind da anders. Sie stehen für sich alleine. Das Werk, seine Aussage und die Motivation des Künstlers benötigen bis auf wenige Ausnahmen keine weitere Plattform um zu funktionieren.

4. Code als Ingenieurshandwerk: In meiner Laufbahn traf ich tausende Entwickler und habe so manches Projekt gesehen. Die Entwickler, die ich am beeindruckendsten fand, waren in der Regel alles andere als Künstlertypen. Für gewöhnlich hatten die eine sehr technische Sicht auf ihre Tätigkeit und eine Liebe zum Detail und Wissen, die bei anderen oft fehlten. Es gab einen ausgeprägten Stolz auf die Ergebnisse, eine Achtung vor guten Vorgehensweisen und eine Könnerschaft, wie sie nur durch viel Übung entstehen kann. Eines meiner liebsten Bücher über Programmierung ist immer noch Code Complete von Steve McConnell. Dieses Buch strahlt von der ersten bis zur letzten Seite den Stolz des Autors aus, sein Handwerk professionell und mit Blick fürs Detail auszuüben. Das ist eine professionelle Berufsethik wie man sie in allen Bereichen findet in der wenige Menschen spezielle Kenntnisse mit großem Wirkungsgrad erwerben. Mediziner, Juristen, Architekten, Ingenieure… allen gemeinsam ist dieser Stolz auf ihre Werke obwohl von den genannten wohl kaum einer als Künstler gesehen wird.

Letztlich schaffen wir mit unseren Programmen schließlich technische Konstruktionen, die zusammen mit einer technischen Infrastruktur Problemlösungen anbieten. Ohne Zweck existiert kein Code, ohne Kundenwunsch keine Lösung. Wie jedes Ingenieurshandwerk ist das der Hauptgrund unserer Entwicklungen und gleichzeitig der Teil auf den man als Programmierer ja auch richtig stolz ist: Je mehr Relevanz im echten Leben, desto besser war unsere Arbeit. Künstler schaffen Kunst aus anderen Motivationen. Hier geht es um sie selbst, ihre Aussagen und den Gegenstand ihrer Kunst. Ich behaupte, bei uns ist das nur sehr selten so.

„Aber, aber… Wir sind doch kreativ bei unserer Arbeit, ist das vorhin erwähnte kreative Schaffen nicht ein eindeutiges Zeichen dafür, dass Programmierung eben doch eine kreative, künstlerische Tätigkeit ist?“, höre ich Dich einwenden. Ja und nein. Ja, weil wir natürlich kreativ sind. Es ist aber ganz schön vermessen einem Schreiner oder einem Ingenieur anderer Disziplinen zu unterstellen, sie wären eben genau das nicht auch. Ich glaube Kreativität ist unbedingt notwendig um Künstler zu sein, aber nicht exklusiv diesem Feld zugeordnet. Jeder selbstständig arbeitende Spezialist muss kreativ sein um Lösungen für neu auftauchende Problemstellungen zu entwickeln.

5. Code als Design: Aber vielleicht gibt es ja Raum für eine Perspektive, die den handwerklichen Aspekt, die Craftsmanship, mit den kreativen, kunstvollen Elementen verbindet. Abhängig davon, welche Art Lösung wir uns nämlich ansehen, kann man Code noch als eine Art professionelle Kreativdienstleistung ansehen, ein Designprodukt. Wie das Ingenieurswesen hat Design immer einen Kunden oder ein Ziel, außerdem haben beide auch die Professionalisierung gemeinsam. Aber speziell bei Code, der vom Alltäglichen abweicht, haben wir manches mal nicht nur die technische Lösung sondern oft auch weitere Qualitätsaspekte zu berücksichtigen. Wie flexibel gilt es zu bleiben, müssen bestimmte Rahmenbedingungen wie etwa Lizenzformen berücksichtigt werden? Unter welchen Bedingungen kann/soll/muss die Lösung später laufen? Solche Lösungen werden häufig individualisiert für hochkomplexe Umgebungen entworfen und sind dabei eben auch mehr als das reine Anwenden technischer Werkzeuge.

So, nach diesem kleinen Ausflug wende ich mich jetzt mal meinem Python Script von letzter Woche zu. Ich verstehe nicht mehr, was ich da designed habe und es produziert derart viele Fehler, dass ich nicht von Handwerk sprechen will. Wenn es später dann läuft, ist es ein Wunder und ich habe dann sicherlich ein Kunstwerk geschaffen, das außer mir keinen interessiert… So ist das halt mit uns unverstandenen Code-Poeten 🙂

 

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Die schlimmste Klasse

Meine Kindheit war durchzogen von Umzügen. Aus allen möglichen Gründen schien es meine Mutter selten lange am selben Ort auszuhalten. Mit diesen Umzügen ging dann auch jedes mal ein Schulwechsel einher und ich bekam die Gelegenheit so manchen Klassenverbund und viele Lehrer zu erleben.

Zwischen der 8. Klasse und meinem Schulabschluss allein war ich in 3 verschiedenen Schulen, die sich zum Teil deutlich unterschieden. Aber ein Punkt war immer der gleiche: Der Ruf der Klasse in der ich jeweils war. Wir glaubten nämlich jedes mal von uns die jeweils „schlimmste“ Klasse der Schule zu sein. So war uns irgendwann immer von entnervten Lehrern gesagt worden und wir trugen diese Aussage mit Stolz.

Ich hatte das irgendwann vergessen und die Erinnerung daran tauchte erst wieder auf als meine eigenen Kinder in der Schule waren und der erste der drei eines Tages daheim mit kaum verhohlenem Stolz – ganz als wäre das eine schwer erarbeitete Auszeichnung – anmerkte, seine Klasse sei die Schlimmste Klasse der Schule.

Heute früh schließlich, ziemlich genau 2 Jahre nach dem Großen, meinte der mittlere der drei, seine Lehrer sähen seine Klasse als „die Schlimmste“.

Huh? Zufall?

Hm…

Ich glaube nicht. Meine Theorie: Jeder Lehrer hat eine andere Klasse, die „die schlimmste“ Klasse ist und kommt dann zu unterschiedlichen Zeiten auf die Schnappsidee, das für die Schüler hörbar zum Besten zu geben. Ergebnis: Jede Klasse mit pubertierenden Radaubrüdern (und -schwestern) hält sich für die Speerspitze des Schüleraufstands und verhält sich im Ergebnis dann auch ein Stück so. Ist der Ruf erst ruiniert…

🙂

Ich habe versucht, den Effekt meinen Jungs zu erklären. Unterm Strich wünschte ich mir aber, die Lehrer würden andere Eigenschaften ihrer Klassen betonen als den Umstand, dass sie gerade aufdrehen wenn sie mit ihnen zu tun haben. Letztlich basteln die sich ihre umtriebigen Klassen nämlich selber bzw. verstärken den Effekt durch die Attribute, die sie verteilen.

So.

 

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Amerikanische Podcasts

Ich bin süchtig. Wie man schon an anderer Stelle hier lesen konnte, bin ich schwer podcast-abhängig und liebe das Medium 🙂

Besonders interessant finde ich dabei, dass die Szene hierzulande deutlich anders aufgebaut zu sein scheint als die US amerikanischen Beispiele. Besonders die Betonung von „Labercasts“ hier und „narrative storytelling“ dort scheint mir auffällig. Vielleicht ist es aber auch so, dass ich einfach nur ein verzerrtes Bild durch den Filter der populären Formate habe… So oder so ist es diese letzte Art, das „narrative storytelling“, die mich am meisten fasziniert.

In den letzten Wochen habe ich mich dazu ein wenig umgesehen und ein paar Bücher zum Thema gewälzt. Der prototypische Podcast aus der genannten Kategorie ist natürlich „This American Life„, eine Radiosendung von NPR, die als Podcast produziert und beworben wird. Darin werden Musik, Ambients, Interviews und Erzählstimme kunstvoll verwoben, das es eine reine Freude ist.

Ich habe TAL übrigens indirekt gefunden, denn der erste Podcast den ich ernsthaft wahrgenommen habe, war kein Deutscher und auch nicht TAL, sondern von Scott HanselmanThis Developer’s Life„. Scott schreibt denn auch in der Beschreibung dieses Casts, dass es vom Stil her ein gnadenloser ripp-off von TAL sei und als Homage zu verstehen. Das machte mich neugierig auf das Format und ich war hooked.

Inzwischen habe ich ca. 2o US podcasts verschiedenster Netzwerke in meinem Catcher und ich habe sie zum Teil durch Websuchen, facebook Gruppen und Empfehlungen aus meinem Netzwerk gefunden. Interessanterweise sind die wirklich bekannten Podcasts alle der Grundidee von TAL ähnlich oder doch zumindest stark inspiriert. Wenn man die erfolgreichsten dann genauer ansieht und sich besonders die professionell organisierten herausgreift ist auch häufig ein direkter Bezug zu TAL gegeben. So haben viele Netzwerke Mitglieder, die irgendwann für TAL geschrieben haben oder mit Ira Glass arbeiten durften.

Diese Beobachtung ließ mich aufhorchen. Die Geschichte von Podcasts in den USA ist weit mehr von public Radio geprägt als bei uns. Von Anfang an war da ein klarer Bedarf an gescripteten Stories zu erkennen, viele Formate sind zeitlich begrenzt und Musik ist üblicher als bei uns. In Deutschland hingegen scheint mir die Genese anders gelaufen zu sein. Die ersten erfolgreichen Podcasts waren Titel wie „Schlaflos in München“ oder Chaos Radio Express. Das eine war ein solo Gesprächspodcast und das andere ein gelegentlich mehrstündiges Interviewformat.

Was finden wir also unter den bekanntesten Sendungen? Solocasts und Interviewformate.

Hm…

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Lieber Onkel Bert

wenn Du das hier liest wird Dir als erstes auffallen, dass Bert gar nicht Dein richtiger Name ist und Du vermutlich auch eigentlich nicht mein Onkel bist. Trotzdem wirst Du Dich angesprochen fühlen, denn Du weisst genau wer gemeint ist…

Du bist der Verwandte, den ich gelegentlich auf Familienfesten treffe oder der Bekannte einer Freundin, der mir auf einer Geburtstagsparty begegnet. Eigentlich bist Du auch ganz nett bis zu dem Moment wo Du – gerne etwas angeschickert – anfängst über die Zustände in unserem Land zu sprechen.

„Man wird doch wohl noch mal sagen dürfen…“ ist dann Dein Motto und was Du nicht alles meinst sagen zu müssen. Natürlich hättest Du nichts gegen Ausländer, aber es wäre schon bedenklich, dass… Und Schwule – gegen Die Du auch nichts hättest – sollten… usw. usf.

Früher habe ich mich jedes mal auf eine Diskussion mit Dir eingelassen, mich daran versucht, Fakten gegen Deine Behauptungen anzubringen. Dich zu überzeugen war nie wirklich möglich, Du hattest Deine Meinung schließlich fest auf „man braucht sich ja nur mal umsehen“ aufgebaut. Mir reichte es dann auch irgendwann, Dich vom Thema abzubringen oder doch wenigstens meinem eigenen Ärger Luft gemacht zu haben. Irgendwann hatten wir eine Art Waffenstillstand. Du umgingst das Thema in meiner Gegenwart oder ich saß einfach außer Hörweite sobald Du in der typischen Stimmung warst.

Dann erfand ein Holzkopf facebook und bei 864 Millionen Nutzern darfst Du natürlich auch nicht fehlen. Und siehe da: es gibt noch viele andere Berts! Die verbreiten Halbwahrheiten und unsinnige Statements, meist auf ein Bild gepinselt, die Dir geradezu aus der Seele gesprochen sind! „Man wird schließlich wohl noch mal sagen dürfen…“ ist plötzlich mit einem Klick möglich und aus der Grillparty wo Du 5 Zuhörer hast, die Dich kennen und einzuordnen wissen, werden plötzlich ein paar Dutzend.

Es ist dann leider nicht mehr damit getan, Dir aus dem Weg zu gehen und mit den Schultern zu zucken wenn Du Dein Umfeld mit Deinem Gerede nervst. Jetzt bedeutet nichts zu sagen eine Art schweigende Zustimmung. Im Übrigen kennen Dich die Facebookler ja auch gar nicht so gut wie wir. Die könnten ja glatt dem Irrglauben aufsitzen, Du hättest Dir echte Gedanken zu Deinem Standpunkt gemacht…

Deswegen will ich Dir mal etwas ganz ehrlich sagen, Bert: Wenn Du einzelne dumme und diskriminierende Ansichten hast, sie aber überwiegend für Dich behältst, dann ist das fast schon Deine private Angelegenheit. Wenn Du aber ein weltweites Forum nutzt um andere davon zu überzeugen, bestimmte Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Geschlecht, Religion, Hautfarbe, Sprache oder wirtschaftlicher Situation zu verachten, dann ist das genauso wenig privat wie das Forum, dass Du gewählt hast. Dann rechne bitte auch damit, dass ich in eben diesem Forum auch in deutlichen Worten beim Namen nenne was und wen ich beobachte. Genauso wenig wie Du Dir Gedanken darüber machst, welche Menschen von Deinen Äußerungen verletzt werden, werde ich mir dann Sorgen um Deine Befindlichkeiten machen.

Dein Dirk

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Die Podcast-Nische

„Podcasts sind Radio 2.0, aber in Deutschland gibt es vielleicht 50-70000 Hörer“

Dieses Zitat ist vor Kurzem gefallen als ich mich mit dem Macher von Der Explikator, derzeit meinem unangefochtenen Lieblings-Podcast, über unser gemeinsames Medium unterhalten habe. Und in der Tat hört sich das in etwa richtig an.

In den USA hingegen erreichen Podcasts ein Millionen-Publikum. In meinem Podcatcher sind derzeit etwa die Hälfte meiner Casts aus dem englischsprachigen Raum, die andere Hälfte entstammen dem eigenen Kulturraum und inhaltlich sind da massive Unterschiede:

  • Der Großteil der deutschen Podcasts in meinem Catcher scheinen mir von Privatleuten produziert
  • Die kommerziell produzierten deutschen Podcasts sind wiederrum als Radiosendungen konzeptioniert und nur „zweitverwertet“.
  • Die US Casts sind in der Regel mit dem Aufwand solider Radioproduktionen erstellt, anders als bei den Deutschen Radiopodcast jedoch gezielt für die Verwendung als Podcast erstellt. Ja, es gibt sogar ganze Produktionsfirmen, die sich primär mit dem Erstellen von Podcasts beschäftigen. Startup beispielsweise ist ein Podcast, der Alex Blumberg dabei begleitet wie er eine solche Firma gründet und erzählt unter anderem seinen Weg hin zu einer 1,5 Millionen Finanzierung! Hierzulande ist man froh wenn die Community Tim Pritlove seine Bahncard finanziert
  • Ich kenne kaum Deutsche Podcasts, die Reportageformate mit ausgearbeiteten Erzählscripts anbieten, jedoch gleich mehrere US Casts dieser Machart. Beispiele: This American Live, Reply All, 99% Invisible, TED Radio Hour
  • Umgekehrt ist mir bisher noch kein Englischer „Laberpodcast“ nach der Machart des Psychotalks, der Freakshow oder gar der drei Vorgonen untergekommen. (Übrigens befinden sich zwei der drei genannten in meinem eigenen Catcher, aber mehr des Themas als des Formates wegen).

Dabei haben wir in Deutschland eigentlich tolle Voraussetzungen: Diverse Schlüsseltechnologien, eine aktive Szene, treue Hörer…

Bleibt die Frage warum wir immer noch „nur“ ein paar zehntausend Hörer haben. Ich habe ein paar Thesen:

  • Das Medium ist zu technisch und kompliziert. JEDER dem ich bisher das Medium nahegebracht habe benötigte zunächst eine grundsätzliche Einführung. Was ist ein Podcast, wie abonniere ich ihn, wie finde ich ihn, etc. Discovery & Handling ist ein Riesenproblem. Die US Casts machen das geschickter indem sie entweder auf proprietäre Kanäle setzen oder aber von den Radiosendern via ITunes gepushed werden. So wird gezielt das Publikum „geschult“ und nach und nach podcast-kompetent…
  • Die Inhalte: Es gibt ein gewisses Risiko bei einem ersten Test des Mediums ausgerechnet einen der vielen Technik-Laber-Podcasts zu geraten bei denen 2-5 Leute mit Billigheadsets vom Aldi zwei Stunden lang über das neueste Apple-Device reden. Das wirkt abschreckend. Ich glaube sehr daran, dass uns ein ganzes Genre fehlt oder doch zumindest stark unterrepräsentiert ist: Der Sach-Podcast mit echtem Storytelling und professioneller Audioproduction. Wer Interviews plant und Audioformate aktiv gestaltet hat am Ende einfach die schöneren Ergebnisse.
  • Medienbotschafter: In Deutschland ist der Podcast eine in sich abgeschlossene Nische. Ein weiteres Zitat war übrigens: „Nirgendwo gibt es Podcastertreffen wie in Deutschland. Aber wenn Du da hingehst stellst Du fest, dass das auch gleichzeitig die Hörerschaft ist. Wir hören unsere Casts gegenseitig und produzieren dafür auch.“
    Ich glaube, das legt den Finger ziemlich auf die Wunde und erklärt gleichzeitig die treue Fangemeinde in Deutschland und auch viele der inhaltlichen Beobachtungen. Wir sind eine eingeschworene Szene und wir pflegen unsere Macken. Dadurch wird das Ergebnis aber nicht massentauglich und schon gar nicht bekannter. Was aber helfen könnte wären Leute mit hohem Bekanntheitsgrad, die das Medium popularisieren. Nehmen wir einen bekannten Moderator, der ein solches Format startet oder einen Autor. Ich bin mir sicher eine derartige Figur könnte Großes für die Szene bewirken. Allein man müsste ihm einen Grund liefern… ohje… ich wittere ein Henne-Ei-Problem.

hm…

Habe ich nun ein Fazit? Leider nicht. Ich weiß, ich wünschte mir mehr Inhalte in Deutschland nach der Machart vieler US Casts. Allerdings habe ich selbst weder die fachlichen noch die technischen Möglichkeiten und im Übrigen auch nicht die finanziellen Mittel dazu. Damit bin ich vermutlich in guter Gesellschaft aller anderen Podcaster meiner Lieblings-Medien-Nische.

Ich weiß, ich hätte gerne große spannende Produktionen, aber vermutlich würden die auch nach und nach die kleineren, charmanten Projekte verdrängen. Und last but not least wünschte ich Labercasts hätten im Gesamtangebot einen deutlich geringeren Anteil, denn meiner Vermutung nach hören nur Fans freiwillig mehrere Stunden lang Kneipengesprächen zu und in Summe haben solche Casts für den radio-gewöhnten Ersthörer eine abschreckende Wirkung. Ich selbst bin aber nicht viel besser, denn im Grunde ist auch mein eigener Cast Das Ferngespräch nichts anderes als ein mittelgut aufgemachter Labercast…

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Smartphones sind schlecht für Dich

…, denn sie sorgen dafür, dass Dich eMails aus der Arbeit auch in Deiner Freizeit erreichen!

So oder so ähnlich sieht eine Behauptung aus, die immer wieder zitiert wird. Zuletzt habe ich das heute im DRadio Wissen Hörsaal serviert bekommen.

Dieser Effekt – die ständige Erreichbarkeit – sei nämlich ein großer Treiber für den Zustand, der landläufig als Burnout bekannt ist. Der moderne Mensch könne gar nicht mehr abschalten und manche Unternehmen reagieren schon darauf indem sie beispielsweise nach 8h keine Mails mehr verschicken.

Das klingt auch irgendwie ganz gut, denn hat nicht jeder von uns schon einmal das Gefühl gehabt abends weiterarbeiten zu müssen? War es nicht das Smartphone, das uns die ganze Zeit an unsere unerledigten Aufgaben erinnerte und die Anfrage des – auch nachts um 1 noch arbeitenden! – Managers auch in den wohlverdienten Urlaub noch nachlieferte und damit für Schuldgefühle und Leistungsdruck sorgte?

Für mich stellt sich da allerdings dann eine Frage: War das eigentlich früher anders? Konnte ein Handwerker im Mittelalter Fünfe gerade sein lassen wenn ihm danach war? Konnte ein Bauer einfach beschließen im Bett zu bleiben statt morgens sein Tiere zu füttern? Wie war das während der Industrialisierung, wie in der Nachkriegszeit?

Wer sich heute davon gestresst fühlt dank universeller Erreichbarkeit auch vom Strand aus arbeiten zu können, der vergisst einen wichtigen Punkt: Früher gab es diese Option gar nicht. Nicht nur wäre es unmöglich gewesen, Arbeit an einen anderen Ort mitzunehmen, nein – es war auch weder genug Geld noch genug Freiheit vorhanden um auch nur den Versuch zu unternehmen.

Meine Frau und ich arbeiten beide Vollzeit und schaffen es trotzdem unsere Kinder zu versorgen. Das ist nur möglich weil wir beide hinreichend moderne und flexible Arbeitgeber haben. Arbeiten am Abend oder am Wochenende werden da leicht durch Freiheit und Flexibilität aufgewogen, ja es ist sogar diese Möglichkeit, die uns überhaupt erst einen wirklich ausgeglichenen Lebensstil eröffnet.

Für uns ist das Leben dadurch entspannter, nicht stressiger. Die Aufgabenstellung ist eben nicht wie so oft behauptet, seine Work-Life-Balance zu finden, sondern es geht um Work-Life-Integration. Denn diese Trennung von Arbeit und Freizeit ist eine „neumodische“ Erfindung der Industrialisierung und kein Naturgesetz. Genausowenig ist es automatisch mit Streß verbunden, sich aktiv gegen oder für die Bearbeitung bestimmter Aufgaben zu entscheiden.

Wer aus solchen Überlegungen heraus gegen Mails und Smartphones wettert, der vergißt wodurch Streß wirklich entsteht: Durch Überforderung. Mails aber überfordern nicht sondern schlecht gestellte Aufgaben und problematische Kommunikationsstrukturen. Oder anders: Wer einen schlechten Chef oder ein Team mit negativer Stimmung hat, dem helfen auch die besten Mail-Praktiken nichts…

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